Wirecard: Wer redet eigentlich mit der Presse?

Der Bilanzskandal Wirecard zeigt nicht nur ein Systemversagen der deutschen Finanzaufsicht (BaFin, DPR), sondern lässt auch in der Presse erhebliche Kritik am Berufsstand der Wirtschaftsprüfer laut werden. Dies betrifft sowohl die wirtschafts- und ordnungspolitische Funktion des Berufsstandes, dessen Aufsicht sowie Vorhaltungen über Fehler bei der Prüfungsdurchführung durch EY.

Schaut man sich die täglichen Pressemeldungen und die immer wieder neuen Details zum Fall Wirecard genauer an, so stellt sich sehr schnell die Frage, wer sich aus dem Berufsstand - in wessen Auftrag oder Legitimation auch immer - gegenüber der Presse äußert:

  • Prof. h.c. Naumann, CEO des Lobbyvereins der Big4 IDW e.V., äußert sich am häufigsten. Ein seitenlanges Statement gegenüber den Vereinsmitgliedern und Interviews  in Presse, Funk & Fernsehen sind für ihn offensichtlich selbstverständlich. Man hat geradezu den Eindruck, dass sich hier der Pressesprecher des gesamten Berufsstands äußert, der in dieser Rolle auch legitimiert sei. 
  • Die Berufskammer WPK bringt es auf schlappe eineinhalb Seiten Pressemeldung und der Präsident verteilt lieber Maulkörbe an Vorstandsmitglieder. - Auch wenn diese - ebenso wie das IDW - einer Berufsvereinigung (wp.net) vorstehen.
  • Dann gibt es noch Geschäftsführer großer WPGs außerhalb der Big4 (Warth & Klein, Mazars), die (mit Einverständnis der Big4 und des IDW) Presseanfragen beantworten und sich in Interviews gegenüber der Presse bereitwillig - und auch kritisch - in der Causa Wirecard einlassen.

Insgesamt muss in der Presse und in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, als sei Prof. h.c. Naumann als Lobbyist der Big4 (und Chef-Theoretiker) der wichtigste Mann im Berufsstand. Hier kocht offensichtlich der Chef selbst und hier liegt die Meinungsführerschaft. Einen offiziellen Pressesprecher gibt es beim IDW nicht. Auch nicht bei der WPK. Dort wählt Präsident Ziegler nach langen Wochen des Schweigens wohldosiert - abgestimmt mit dem IDW - karge und nichtssagende Worte.

Es gilt: Nur nichts kritisches über EY oder die Big4 sagen. Schließlich hängen millionenschwere Mitgliedsbeiträge und Zuwendungen daran.

Während die WPK den Standpunkt vertritt: "Erst aufarbeiten, dann Maßnahmen diskutieren", steckt Prof. h.c. Naumann bereits halsüber in einer Wünsch-Dir-Was-Reform der Finanzaufsicht und gesetzlichen Ausweitung der Abschlussprüfung. Er macht als Lobbyist schon mal ungefragt tiefgreifende Vorschläge an den Gesetzgeber, als ginge es um seinen Job! In der FAZ ist von Georg Giersberg zu lesen:

  • Noch diese Woche wird das IDW ein Positionspapier verabschieden, das die Diskussion um Verbesserungen der Wirtschaftsprüfung und der Aufsicht anregen soll. Es geht um konkrete Vorschläge zu den Bereichen Unternehmensführung (Corporate Governance), Abschlussprüfung, Aufsicht (der Wirtschaftsprüfer) und um die Wahrnehmung und Verarbeitung von Unternehmensnachrichten durch den Kapitalmarkt.

Also noch einmal zum Mitdenken:

  • Alle Wirtschaftsprüfer/innen und Organmitglieder des Berufsstandes sollen die Klappe halten und die Einheit und Geschlossenheit des Berufsstandes nach außen demonstrieren.
  • Wir sollen alle erst einmal - auf dringende Empfehlung vom WPK und IDW - eine (jahrelange) Analyse und Aufarbeitung des Wirecard-Skandal abwarten und
  • der hochbezahlte Cheflobbyist der Big4 hat absolut freien Lauf, dem Gesetzgeber (BMWi) - wie auch schon bei vorherigen Gesetzesreformen - bereits jetzt die notwendigen Reformschritte ins Gebetbuch zu schreiben.

Man weiß noch nichts, produziert aber die passende Reform binnen weniger Tagen, um die Politik in die richtige Richtung zu lenken und das milliardenschwere (gescheiterte) Geschäftsmodell der Big4 zu retten.

Eine Frage hab ich noch:

Wie lange lässt der Berufsstand sich solche Verdummung und Bevormundung noch gefallen? Wer gibt Prof. h.c. Naumann die Legitimation, als die (einzige) Stimme des Berufsstandes aufzutreten? Hat das IDW trotz Corona-Pandemie und unzulänglicher Transformation der ISA nichts wichtigeres zu tun?

Und die WPK schaut gebannt zu.