Wirecard: Und jetzt noch schnell herrschende Meinung schreiben!

Seitdem die Staatsanwaltschaft München I davon ausgeht, dass bei Wirecard die Rechnungslegung bereits seit 2015 massiv gefälscht wurde und Umsätze, Ergebnisse und Treuhandguthaben aufgebläht wurden, wird es für den Shooting-Star der Branche, Ernst & Young (EY) zunehmend eng. Die Anlegeranwälte sind bereits in den Startlöchern und der ein oder andere Journalist mutmaßt, dass EY Deutschland diesen Bilanz- und Prüferskandal nicht überstehen wird. All dies erinnert irgendwie an den Fall Flowtex und die KPMG.

Obgleich sich die Politik, WPK und IDW irgendwie einig sind, dass zunächst die Ermittlungen abgewartet, keine Vorverurteilungen vorgenommen und Reform- sowie Regulierungsvorschläge warten sollten, fragt sich die Zunft doch gleich, wie man hier bereits jetzt EY zur Seite springen kann. Nicht nur die Presse wird entsprechend informiert, dass man EY eigentlich wegen der massiven Betrügereien keine großen Vorwürfe machen kann. Wohl rein zufällig erschien gestern wohl in DER BETRIEB (Nr. 29, 20.07.2020) ein Fachaufsatz von Prof. Dr. Kai-Uwe Marten (Uni Ulm):

  • "Die Prüfung von Treuhandkonten im Rahmen der Abschlussprüfung".

Bei der Lektüre des fast fünfseitigen Beitrags im Handelsblatt-Verlag beschleicht einen das Gefühl, dass hier - vom IDW lanciert - bereits zitierfähige "herrschende Meinung" verbreitet werden soll. Wer weiß, wofür es gut ist, dass man später einmal im Haftpflichtprozess einen "renommierten" Professor zitieren kann, der bestätigt, dass man EY keine Vorwürfe machen kann. Dies nennt man "herrschende Meinung auf Bestellung (on demand)". Und dies ist ethisch verwerflich!

Psst, nicht verraten, dass es hier um (verdeckte) Lobbyarbeit des Professors für eine eventuelle Haftung von EY im Falle Wirecard geht. Vielleicht bringt man sich hier aber auch bereits in Stellung, da in dem Haftpflichtprozess später doch entsprechende Gutachten beauftragt werden.

Wenn Sie bei wpwatch einmal den Suchbegriff "Prof. Marten" eingeben, erhalten Sie 71 Meldungen (!) und erfahren auch recht bald, warum der flankierende professorale Schutz für EY gerade von ihm kommt.

Oder erinnert Sie dies nicht auch an das 79-seitige Hommel-Gutachten, mit dem meine Klage gegen die WPK wegen Falschbilanzierung  abgewiesen wurde? - Und jeder wusste, dass dieses Gutachten auf Bestellung geschrieben wurde und höchst zweifelhaft war. - So ist das eben auch mit den Hochschulen, dem IDW und den Verbindungen zu den Big4! - Mein Vater sagte immer: "Eine Hand wäscht die andere!"

Man erinnere sich auch noch an die Zeit, als Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, noch Mitglied der Abschlussprüferaufsichtskommission (APAK) und in 2016 gar deren Vorsitzender war. Gemeinsam war er mit Ex-BFH-Präsident Dr. h.c. Wolfgang Spindler "ehrenamtlich" für die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) (§ 66a WPO a.F.) tätig und kassierte über Jahre hinweg hunderttausende Euro aus der vollen Kasse der WPK!

Wie geht es jetzt noch weiter mit dem flankierenden Schutz für EY und der Meinungsbildung? - Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein FAZ- Artikel von Georg Giersberg mit Bezug auf den "Experten" Prof. Marten und die Feststellung, dass EY eigentlich gar nicht soviel falsch gemacht haben kann.

Dann sind die Big4, die Presse und das Lobbyistenumfeld doch wieder in trauter Seligkeit vereint!

Zu befürchten ist jedoch, dass diese Lobbyarbeit zunehmend als "Bärendienst" entlarvt wird. Dass es solcher Kungeleien der fachlichen Eliten bedarf, zeigt doch nur, dass EY und der Lobbyverein IDW im Falle Wirecard doch einiges zu befürchten glauben!