Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer

Da reibt man sich schon die Augen: Ein seit 9 Jahren von EY uneingeschränkt testiertes Geschäftsmodell von Wirecard mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Mrd. € fällt innerhalb weniger Wochen wie ein Kartenhaus zusammen und löst sich in Schall und Rauch auf. - Systemversagen der Finanzaufsicht sagen die einen, Unfähigkeit der Wirtschaftsprüfer sagen die anderen.

Alle stehen unter Schock und spielen ihre Rolle:

  • Politiker verlangen eine Neuordnung der Finanzaufsicht (BaFin, DPR) und schärfere gesetzliche Vorschriften,
  • IDW e.V. und Lobbyisten des Berufsstandes sprechen von nicht prüfbarer krimineller Energie der Betrüger und
  • Anlegeranwälte sammeln Mandate und hoffen auf millionenschweren Schadensersatz.

Hierzu ist zunächst einmal festzustellen, dass EY gemäß §§ 823 II BGB, 332 HGB auch Dritten gegenüber haftet. Gemäß § 323 II HGB (und den AAB des IDW e.V.) ist die Haftung jedoch auf vier Mio. € begrenzt. Eine höhere Haftung kann dispositiv mit dem Mandanten vereinbart werden, ist jedoch die Ausnahme. Lediglich dann, wenn man EY im Klagewege Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit (bedingten Vorsatz) nachweisen kann, gilt die gesetzliche Haftungsbegrenzung nicht mehr. Dies erfuhr bspw. KPMG seinerzeit im Bilanzskandal Flowtex, wo man letztlich an die geschädigten Banken 100 Mio. DM Schadensersatz zahlen musste, die durch die Wiesbadener Versicherungsstelle gezahlt wurden. Derartige Prozesse ziehen sich über Jahre hin, sofern man nicht einen "Deal" mithilfe der Vermögenschaden-Haftpflichtversicherung macht - um aus den Medien heraus zu kommen. 

Verfahren gegen die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer werden hierbei in der Regel abgetrennt bzw. gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt. Dies erfuhren die beiden verantwortlichen EY-Kollegen im Zusammenhang mit der Schlecker-Insolvenz. Deren Verfahren auf Zahlung von Schadenersatz wurden gegen Zahlung von (nur) 40 T€ bzw. 20 T€ eingestellt.

Berufsaufsichtsrechtlich und berufsgerichtlich wird gemäß §§ 67 ff. WPO lediglich das "Fehlverhalten" von natürlichen Personen im Berufsstand sanktioniert, d.h. dass EY von der WPK bzw. im Wege der Berufsgerichtsbarkeit (§§ 71a ff. WPO) nichts zu befürchten hat. Ob ein berufsgerichtliches Verfahren gegen EY eingeleitet wird, entscheidet die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) der WPK mit Mehrheit. Da es sich bei Wirecard jedoch um ein PIE-Mandat (§ 319a HGB) handelt, obliegt der Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) die letztinstanzliche Fachaufsicht. Auch hier dürfte EY nicht viel zu befürchten haben, da sich die APAS fast ausschließlich aus ehemaligen Big4-Mitarbeitern rekrutiert.

Halten wir also fest:

  • Die Haftung von EY im Falle Wirecard ist auf (lächerliche) 4 Mio.€ begrenzt.
  • Mehr Schadensersatz gibt es nur (von der Versicherung), wenn man EY nachweisen kann, dass dort grob fahrlässig geprüft wurde (mühsam, aber wohl nicht ganz aussichtslos).
  • Die "A-Karte" im Spiel haben die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer Budde, Dahmen, Treitz, Worthmann und Loetscher.

EY, IDW e.V., WPK und die gesamte WP-Branche hoffen jetzt wohl auf eine medienwirksame Inszenierung des weltweiten Betrugsfalles Wirecard mit weltweiter Suche nach untergetauchten Verantwortlichen, Aufdeckung verschwundener Milliarden und spektakulären Details. Dies lenkt so schön vom Fehlverhalten oder schlampigen Prüfen der Big4 ab. Von deren Mitverantwortung und den Sanktionen wird im Zweifel die Öffentlichkeit nichts erfahren.

Der Bilanzskandal Wirecard sollte für alle Beteiligten Anlass sein, sich der Realität zu stellen, eine ehrliche Diskussion zu führen und den Berufsstand neu auszurichten. Ansonsten ist die "Selbstverwaltung" des freien Berufs in Gefahr. - Jeder muss jetzt den Knall gehört haben!