Wirecard - "Positionspapier" des IDW - Jetzt schon? und Für wen?

Das IDW ist ein eingetragener Verein, basierend auf freiwilliger Mitgliedschaft, in dem – lt. Eigenangabe des IDW – 81% der Berufsträger/innen organisiert sind. Gleichwohl ist es der Lobbyverein der Big4, der die Meinungsführerschaft über den gesamten Berufsstand innehat.

Ähnlich wie die WPK verlangte auch das IDW, nachdem die Bombe Wirecard geplatzt war, zunächst eine gründliche Analyse des Falles und Zurückhaltung bei der Diskussion von Reformvorschlägen. Man erklärte der staunenden Öffentlichkeit, dass man über keinerlei Insiderinformationen verfüge und bittet darum, von Schuldzuweisungen gegenüber EY Abstand zu nehmen.

Gleichzeitig macht das IDW aber genau das Gegenteil: Bereits im fünfseitigen Informationsschreiben vom 06.07.2020 an die Mitglieder werden umfassende Reformvorschläge diskutiert. Neunmalklug mischt man sich in die Finanzaufsicht und die Zuständigkeiten von Bundesministerien ein und verlangt für den Berufsstand schärfere und deutlich ausgedehnte Abschlussprüfungen.

Noch schlimmer ist das 14-seitige "Positionspapier" vom 15.07.2020 ("Erste Lehren aus dem Fall Wirecard") zu lesen, wo, ohne dass überhaupt eine Diskussion im Berufsstand begonnen hat, schon mal ein kompletter Reform-Fahrplan für alle relevanten Bereiche aus dem Hut gezaubert wird. Dies beginnt mit Corporate Governance, geht über Forensik, CSR-Richtlinie bis hin zur Berufs- und Finanzaufsicht. - Für jeden ist etwas dabei.

Nochmals zum Mitdenken: Der mutmaßliche Haupttäter ist noch flüchtig, die Vernehmungen der Staatsanwaltschaft München laufen auf Hochtouren, die Bundesminister haben im Finanzausschuss noch nicht einmal ausgesagt und Details aus den Wirecard-Anschlussprüfungen durch EY sowie die Sonderprüfung von KPMG sind nicht bekannt.

EY schweigt gesetzesgemäß und läßt multimedial verlauten, dass man weltweit betrogen wurde.

Als Lobbyverein will das IDW mit diesem voreiligen Schnellschuss-Papier die Meinungsführerschaft gegenüber der Politik dreist übernehmen und bereits Vorgaben für eine notwendige Weiterentwicklung  des Berufsstandes und der Finanzaufsicht machen. Dies ist unglaubwürdig, dilettantisch und durchsichtig!

Wenn dies die Meinung des Berufsstandes sein soll, dann hat man offensichtlich aus dem Wirecard-Skandal nicht viel gelernt. Es ist mehr verdeckte Leere als dass es Lehren sind!

Eine Frage hab ich noch:

Was ist eigentlich ein "IDW Positionspapier"? Wer hat dieses Papier verfasst? Selbst in den Kaffeesatz-Papieren unserer Trendwatcher weiß man, wer dieses Papier verfasst hat. Wer hat das Wirecard-Positionspapier dem IDW-Vorstand in die Feder diktiert? Oder kommt das Papier vielleicht aus dem Hause EY? 

Das Papier zeigt, dass die Befürchtungen anstehender Reformen und regulatorischer Eingriffe beim IDW (und den Big4) groß sind!