Wirecard: KPMG gegen EY?

Es ist eigentlich immer das gleiche Ritual: Wird medienwirksam die Ordnungsmäßigkeit der Rechnungslegung eines DAX-Mandates in Zweifel gezogen, so beruft sich der Abschlussprüfer auf seine gesetzliche Verschwiegenheit (§ 43 I WPO, § 323 HGB), der Mandant geht in Kampfmodus und die WP-Branche (incl. WPK und APAS) schaut zunächst einmal dem Geschehen gespannt zu.

Streuen dann die Experten in den Medien Zweifel an den Testaten der Vorjahre, so wird bereits insgeheim mit einer Sonderprüfung (durch eine andere Big4-Gesellschaft) gerechnet. 

Der Aufsichtsrat muss sich exkulpieren, der Vorstand sucht Rechtfertigung und der Sonderprüfer will sich profilieren und seine fachliche Expertise ausspielen.

So geschehen auch bei Wirecard: Seit 10 Jahren prüft EY den umtriebigen Zahlungsdienstleister und testierte in der Vergangenheit jeweils uneingeschränkt. Die Financial Times (FT) zieht die Ordnungsmäßigkeit der Rechnungslegung bereits 2019 in Zweifel und vermutet gar Bilanzfälschung durch den selbstherrlichen Gründer, 7%-iger Großaktionär und CEO Markus Braun.

Also steht zunächst der Sonderprüfer KPMG im Rampenlicht!

  • Was werden die Sonderprüfer feststellen, was der bisherige Abschlussprüfer trotz (hoffentlich) risikoorientierter Prüfung nicht feststellte bzw. sanktionierte?
  • Gibt es Hinweise auf dolose Handlungen?
  • Welchen Imageschaden erleidet der bisherige Abschlussprüfer am Ende des Tages?

Jetzt liegt der 74-seitige Sonderprüfungsbericht der KPMG vor und man reibt sich die Augen. Auch KPMG hat es bei seinem forensischen Prüfungsansatz nicht geschafft, erhebliche dubiose Vorgänge aufzudecken!

Auf drei Seiten habe ich Ihnen Stimmen aus der Presse und von Experten zusammengefasst, die allesamt darauf hindeuten, dass EY offensichtlich nicht ordnungsgemäß geprüft hatte. 

Frage ist, ob das QSS bei EY ausreichte, die Prüfungen nach den fachlichen Standards richtig angewendet wurden und die Testate (ohne Hinweise / Einschränkungen) so hätten überhaupt erteilt werden dürfen!?

Die Öffentlichkeit wird im weiteren Verlauf nicht mehr erfahren. Jetzt ist die Berufsaufsicht dran. Jetzt wird in den Gremien diskutiert. Jetzt geht es um Schadensbegrenzung für den Berufsstand. - Und seien Sie sicher: Die Sache wird für die Öffentlichkeit im Sande verlaufen!

Außer: Anlegeranwälte gehen zum Angriff über und stürzen sich (medienwirksam) auf EY in Form einer Schadenersatzklage und suchen einen Deal. - Doch dies kann Jahre dauern - bis sich die Öffentlichkeit in unserer reizüberfluteten Informationsgesellschaft dafür nicht mehr interessiert.