Wirecard: EY wollte noch Anfang Juni 2020 uneingeschränkt testieren

Immer wieder belegen weitere Dokumente in der Causa Wirecard, dass EY bis Anfang Juni 2020 bereit war, für die Rechnungslegung 2019 (wiederum) ein uneingeschränktes Testat zu erteilen. 

Der Financial Times (FT) liegen Dokumente vor, die belegen, dass EY sich weitgehend über die Bedenken von KPMG im Sondergutachten, wie auch über vorliegende Zweifel von Whistleblowern hinwegsetzen wollte (https://www.ft.com/content/568d5f9f-ebbe-48fc-a7b7-0ebf34c3cb83).

Mit Datum vom 2. Juni 2020 sandte EY bereits Wirecard den Entwurf eines uneingeschränkten Bestätigungsvermerks (BSV) zu. Der Entwurf des BSV von EY erwähnte keine Bedingungen für die Erteilung eines uneingeschränkten BSV.

Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind, teilten der FT jedoch mit, dass die Erlangung eines solchen Urteils von EY davon abhängig gemacht worden sei, dass 440 Millionen Euro in vier Tranchen von Treuhandkonten auf den Philippinen, die angeblich von einem Treuhänder in Asien im Auftrag von Wirecard überwacht werden, auf die Konten der Gruppe in Deutschland überwiesen werden.

Wirecard hatte bekanntlich für den 18. Juni 2020 eine Pressekonferenz angesetzt, um die Ergebnisse der Abschlussprüfung 2019 zu veröffentlichen. 

Im BSV-Entwurf stellte EY fest, dass seine "erweiterten Prüfungsverfahren" keine Hinweise darauf lieferten, dass das TPA-Geschäft in Asien problematisch sei.

  • "Im Rahmen der Prüfung haben wir uns davon überzeugt, dass die uns bekannt gewordenen Vorwürfe [bezüglich des Acquiring durch Dritte] durch Maßnahmen des Vorstands der Wirecard weiterverfolgt und bewertet wurden", stellte EY fest.
  • Weiterhin heißt es: "Im Verlauf unserer erweiterten Prüfungsverfahren haben sich keine Anhaltspunkte ergeben, die auf Rechtsverstöße in Bezug auf [das Third-Party-Acquiring-Geschäft] schließen lassen". 

In einer ersten Stellungnahme zu den nunmehr aufgetauchten neuen Papieren äußerte sich Prof. Hansrudi Lenz (Uni Würzburg):

  • "Typischerweise ändern sich bei jedem normalen Prüfungsprozess in einem so späten Stadium nur noch geringfügige Details und nicht mehr die grundsätzliche Sichtweise des Prüfers" und fügte hinzu, dass er es
  • "höchst überraschend" finde, dass das EY Anfang Juni noch in Erwägung zu ziehen schien, Wirecard ein uneingeschränkten Testat zu erteilen.

Ein weiterer Knaller:

Weiterhin wurde durch Veröffentlichung der FT zwischenzeitlich bekannt, dass KPMG vorab, d.h. am 27.04.2020, EY und auch Wirecard (!) Einsicht in Entwürfe des forensischen Gutachtens gegeben hat und die beiden verantwortlichen EY-Prüfer Andreas Budde und Martin Dahmen noch gegenüber Wirecard ihre Bedenken zum Ausdruck brachten, ob diese Feststellungen von KPMG richtig seien und man die Besonderheiten des Falles hinsichtlich des Drittgeschäftes richtig wiedergegeben habe (https://www.ft.com/content/a5cfadb6-0df1-4205-b223-99c432869078). .

Es bleibt zu erwarten/befürchten, dass es noch weitere interessante Informationen über die Abschlussprüfungen von Wirecard geben wird.

Wie naiv ist es vom IDW (und den Big4), bereits am 15.07.2020 mit einem verabschiedeten Positionspapier an die Öffentlichkeit zu gehen und vorzutäuschen, dass man bereits ein vollständiges Reformpaket habe, um den Berufstand und die Finanzaufsicht "weiterzuentwicklen"!? Wollte man nicht erst einmal abwarten, analysieren und diskutieren, bevor man Lösungen vorgaukelt? Jetzt muss man in Kauf nehmen, dass man ggfs. jeden Tag durch neue Veröffentlichungen überrascht wird und das Positionspapier immer deutlicher als "Lobbypapier" oder "gedankenloser Rundumschlag" entlarvt wird.

Eine Frage hab ich noch:

Wieso berichtet die deutsche Presse eigentlich nicht über solche Hintergründe der Wirecard-Prüfungen und die mittlerweile vorliegenden Dokumente?

Das hab ich Ihnen doch schon oft genug erklärt ...