Wirecard: EY und das Märchen vom aufgedeckten Betrug

Das IDW setzt in Sachen Wirecard offensichtlich alles daran, den Eindruck zu erwecken, dass

  • EY den Bilanzbetrug tatsächlich im Juni 2020 selbst aufgedeckt, 
  • Opfer globaler, nicht prüfbarer krimineller Machenschaften geworden sei und
  • alle fachlichen Verlautbarungen ordnungsgemäß angewendet hätte.

Der Lobbyverein der Big4 sieht es offensichtlich als seine Aufgabe an, den enormen Reputationsschaden für EY und die gesamte Branche möglichst kleinzureden und den Gesetzgeber von jedweden regulatorischen Eingriffen ins Berufsrecht und bei der Abschlussprüfung abzuhalten. Deshalb zaubert man (von den Big4 vorformulierte) Reformvorschläge in Form eines "Positionspapiers" aus dem Hut.

Tatsache ist jedoch, aufgrund der Aussagen des Kronzeugen Oliver Bellenhaus, der mittlerweile aufgetauchten Unterlagen des KPMG-Gutachtens (samt Anlagen) und der eindeutigen Whistleblower-Hinweise, dass EY es seit 2015(!) versäumt hat, den Auffälligkeiten und eindeutigen Warnhinweisen im Rahmen eines risikoorientierten Prüfungsansatzes (IDW PS 261 n.F.) nachzugehen, und es wohl in den letzten Jahren keine "hinreichende Sicherheit" für uneingeschränkte Bestätigungsvermerke (IDW PS 200, Tz. 9) gegeben hatte.

Wie können die beiden verantwortlichen EY-Wirtschaftsprüfer noch nach Bekanntwerden des KPMG-Gutachten in Erwägung gezogen haben, dass - wie in Vorjahren - uneingeschränkt testiert wird, jedoch lediglich nur ein Teil der Treuhandgelder (440 Mio.€) nach Deutschland überwiesen werden müssen!?

Es sind handwerkliche Fehler

  • der Missachtung jahrealter deutlicher Warnhinweise von Shortsellern, Finanzanalysten und Aufsichtsbehörden und
  • der unzureichenden Prüfung völlig irrealer Treuhandkonten.

Vielmehr musste EY offensichtlich noch im Juni 2020 davon abgehalten werden, ein seit mindestens fünf Jahren bestehendes Lügengebäude zu testieren. Den Entwurf eines uneingeschränktes Testats hatte man ja bereits am 02.06.2020 Wirecard übersandt.

Damit dürfte das Märchen ausgeträumt sein, dass EY selbst die Betrügereien im Rahmen der Abschlussprüfung 2019 festgestellt habe.

Wie kann das IDW am 16.07.2020 im "Positionspapier" feststellen, dass die "Abschlussprüfung des Jahres 2019 bei Wirecard ihre Funktion wirksam erfüllt hat". Auch die Fehlerhaftigkeit der vier Vorjahresabschlüsse (2015 bis 2018) ist mittlerweile staatsanwaltlich bestätigt.

Die juristische Aufarbeitung wird sicherlich noch vielen Überraschungen, auch bezogen auf die von EY durchgeführte Abschlussprüfung, bereit halten.

Die Geschichte erinnert zunehmend an Flowtex, "Big Manni" und die von der KPMG testierten, jedoch nicht existenten millionenschweren Horizontalbohrgeräte.

Die FlowTex Technologie GmbH & Co. KG im badischen Ettlingen war ein Unternehmen, das in betrügerischer Weise mit Maschinen zur Verlegung unterirdischer Leitungen handelte. Im Tatzeitraum von 1994 bis 1999 entstand ein Schaden von fast 4,2 Milliarden Mark. KPMG wurde gegenüber den Gläubigerbanken gerichtlich zu einem Schadenersatz von mehr als zwei Milliarden Mark verurteilt und "überlebte" diesen Haftungsfall nur durch Intervention des Bundeskanzleramtes (Gerhard Schröder). Man einigte sich mit den Banken auf die Zahlung von 100 Mio. Mark, die seinerzeit vollständig von der Wiesbadener Versicherungsstelle - dem Versicherer der Big4 - übernommen wurde. Schon damals galt für die Big4: To big to fail - Und dies gilt sicherlich auch heute noch!

Öffentlichkeit und Politik werden sich heute sicherlich fragen:

Was hat die WP-Branche in den letzten 20 Jahren eigentlich dazugelernt?