Wirecard - EY ohne standing!

Die Nerven der Wirecard-Aktionäre liegen blank und Zocker haben ihre wahre Freude! Seitdem die FT in 2019 erste Gerüchte über Bilanzmanipulationen und Auseinandersetzungen mit dem langjährigen Abschlussprüfer EY streute, befindet sich die Aktie auf Achterbahnfahrt. Als der Druck nicht mehr nachließ, beauftragte der Gründer und Noch-CEO Markus Braun großherzig eine Sonderprüfung durch KPMG und erklärte schon mal vorweg, dass durch den alsbald vorliegenden Bericht alle Zweifel vollends ausgeräumt würden. Damit war für KPMG durch den Möchtegern-Milliardär "die Latte gelegt"!

Kein Papier wurde in Anlegerkreisen, der Berufsaufsicht und der Börsen-Zockerabteilung sehnlicher erwartet, erhoffte man sich doch vollständige Aufklärung aller gestreuten Zweifel.

Liest man den kürzlich erschienenen 74-seitigen KPMG-Sonderprüfungsbericht, so kann man hieraus folgende Schlussfolgerungen ziehen:

  • Der Plan des arroganten und offensichtlich überschätzten CEO Markus Braun ist vollends gescheitert. Der Konzern hatte nie das DAX-Format erreicht, war wohl eher eine Klitsche! Der Bericht wirft mehr Fragen auf, als er Antworten gibt.
  • Von einem Risikomanagementsystem (RMS) weit und breit keine Spur.
  • Ein vom CEO aufgebautes Prüfungshemmnis jagte das andere! Unterlagen wurden teilweise erst mit mehrmonatiger Verspätung - und dann noch unvollständig - oder gar nicht vorgelegt. - Jeder WP-Examenskandidat weiß, dass man dann als Abschlussprüfer eine Redepflicht hat und das Testat gemäß § 322 IV HGB eingeschränkt werden muss!
  • Welche Vollständigkeitserklärung hat EY (IDW PS 303) eigentlich jeweils erhalten?
  • Umsätze von mehr als einer Milliarde € können selbst nach Untersuchung der KPMG-Prüfer nicht verifiziert und zugeordnet werden!!!

Seit der Veröffentlichung des Berichtes hat die Aktie weitere 30% verloren. Aus dem Selfmade-Milliardär wurde zwischenzeitlich ein - immer noch uneinsichtiger - verblendeter Millionär, der den Zeitpunkt des Managementwechsels und den Einzug knallharter Compliance-Regeln offensichtlich verschlafen hat. Großanleger verlangen mittlerweile seinen Rücktritt.

Eine spannende Frage bleibt: Wie konnte EY eine solche Klitsche als DAX-Konzern zehn Jahre lang (für kleines Geld) uneingeschränkt testieren?

Mittlerweile kümmern sich auch die BaFin und die DPR um diesen Fall. Auf EY können jetzt stürmische Zeiten zukommen.

Fazit: Wann versteht der Letzte eigentlich, dass Wirtschaftsprüfer nicht unabhängig sind (§§ 17, 43 I WPO) und Wirtschaftsprüfung auch keine systemrelevante Bedeutung in unserer Wirtschaftsordnung mehr hat?

Wahr ist, dass Wirtschaftsprüfung und damit die Erteilung von (uneingeschränkten) Testaten zu einer austauschbare Dienstleistung verkommen ist. Den Markt haben sich die Wirtschaftsprüfer (mit ihren Helfershelfer bei IDW und der WPK) und nach dem Willen der Big4 selbst kaputt gemacht!

Nicht nur im Falle von Wirecard wurde der Berufsstand - und allen voran die Big4 -(wieder einmal) entlarvt! - Die Reputation des Berufsstandes nimmt Schaden!

Es wäre so einfach! - Aber diese Diskussion wird nicht geführt - Schade!