Wirecard-"Erwartungslücke"? - Wiedergeburt eines Klassikers

Zunächst schrieb Prof. Marten (auf Bestellung) in der Causa Wirecard den EY-Rechtfertigungs-Aufsatz über die Prüfung von Treuhandkonten in DER BETRIEB (Nr. 29 vom 20.07.2020, S. 1465 ff.). Jetzt darf Prof. Quick mit seinen beiden spanischen Kollegen nachlegen und in der WPg 15.2020 (S. 867 ff.) ausführlich über die Erwartungslücke sinnieren.

Prof. Marten springt EY zur Seite und stellt kurzum fest, dass man eigentlich dort nicht viel falsch gemacht hat, und verkennt dabei die einfachen handwerklichen Fehler einer weltweit vernetzten Big4-Gesellschaft, die offensichtlich bereits seit Jahren von dem kometenhaften Aufstieg der Gelddruckmaschine Wirecard berauscht und geblendet war. Da ist man doch einfach stolz auf solche Mandanten, die man seit 11 Jahren beraten und testiert hatte und die wie eine Rakete zum Milliarden-Highlight avancieren. Man war gar ein Teil des Erfolges.

- Jetzt hören Sie doch auf mit Ihrer vergeigten Einholung von Bankbestätigungen - dem kleinen Einmaleins des Wirtschaftlichen Prüfungswesens. Wir waren doch bereits auf dem Weg zu den Sternen!

Offensichtlich auf Bestellung des Lobbyvereins IDW e.V. ist jetzt Prof. Quick gefragt, der mit dem spanischen Duo Toledano in der Hauszeitschrift WPg ("Kompetenz schafft Vertrauen") einen Klassiker aus der Klamottenkiste rausholt und neu aufführt. Es gilt hier mit allen Möglichkeiten wissenschaftlichen Arbeitens die Frage zu beantworten:

  • Erfüllen Abschlussprüfer die Erwartungen der Öffentlichkeit?

Ich kenne mich und weiß, dass ich mich weigern werde, diesen 7-seitigen "Fachaufsatz" zu lesen! Warum auch? Diese Thematik hat bereits einen so langen Bart, beschäftigt uns schon seit 30 Jahren und kommt immer wieder zum gleichen Ergebnis:

  • Die Öffentlichkeit erwartet von Wirtschaftsprüfern einfach zuviel!
  • Das kann der Berufsstand nicht leisten!
  • Und damit ist die "Erwartungslücke" wieder erklärt und bestätigt!
  • Und es wird immer so bleiben!

Wie wäre es denn mal mit folgenden Erklärungsversuchen:

  • Das IDW und die Big4 geben sich gerne den Schein der Allwissenheit,
  • sind lt. ihrer Werbung mit den teuersten und besten Analyseprogrammen unterwegs,
  • vergessen manchmal, dass hier tatsächlich noch Menschen im Prüfungsprozess unterwegs sind und
  • haben - geblendet vom faszinierenden Geschäftsmodell des Mandanten -  "ihre Prüfernase" ausgeschaltet.

Soll heißen: Wenn Wirtschaftsprüfer zuviel versprechen und sich medial als fachlich unfehlbar geben, muss die Folge sein, dass sich im Bilanzskandal und bei Systemversagen eine eklatante Erwartungslücke offenbart!

Hat also die Erwartungslücke der Öffentlichkeit vielleicht seinen Grund nicht eher darin, dass der Berufsstand, insbesondere die Big4(!), permanent Etikettenschwindel begehen?

Die Reinwaschung von EY durch ein Positionspapier des Lobbyvereins ist hierbei genauso kontraproduktiv wie Fachaufsätze wissenschaftlicher Eliten auf Bestellung!

Eins ist sicher: Die Erwartungslücke bleibt (ein Klassiker)!!!