Wirecard: Das Systemversagen und der alte Zopf mit der Verschwiegenheit

Der Fall Wirecard hat in der unrühmlichen Reihe deutscher Bilanzskandale die Qualität eines Erdbebens. Experten sprechen mittlerweile von einem kollektiven Aufsichtsversagen von BaFin, DRP und Wirtschaftsprüfern. Das Vertrauen in die Finanzberichterstattung ist (mal wieder) dahin!

Während sich die deutsche Bilanzpolizei (DPR) und die BaFin auf ihren Websites aktuell mit Nicht-Zuständigkeit zu rechtfertigen suchen, verschanzt man sich im Berufsstand hinter der berufsmäßigen Verschwiegenheit (§§ 17, 43 I WPO).

Die DPR lässt in einer Pressemitteilung vom 01.07.2020 wissen

  • „dass im Fall Wirecard zu keinem Zeitpunkt Mängel im Prüfablauf vorlagen und die Prüfung jederzeit streng nach den Vorgaben des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) und des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) erfolgt ist. Auch die Kommunikation mit der BaFin hat im üblichen Maß und in der etablierten Frequenz stattgefunden“. 

Von 4-Augen-Prinzip und Funktionstrennung bei der Prüfung scheint man bei der DPR bisher wohl noch nichts gehört zu haben, da man mit der Wirecard-Prüfung nur einen Mitarbeiter beauftragt habe...

Auch die Verteidigungsstrategie der BaFin konzentriert sich nun offenbar auf eine Nichtzuständigkeitsdebatte. Nachdem deren Chef Felix Hufeld am 23.6.2020 im Rahmen einer Tagung hinsichtlich Wirecard von einer

  • „Schande“ für Deutschland (vgl. FAZ vom 23.6.2020, S. 15) gesprochen hatte, ging es in einer Anhörung nur eine Woche später um technisch anmutende Zuständigkeitsaspekte dahingehend, ob die Wirecard AG als Finanzholding anzusehen ist oder nicht.

Im Auge des Sturms ist mittlerweile auch EY:

Beispielsweise schätzte der Prozessfinanzierer FORIS AG die Lage laut Mitteilung vom 2.7.2020 wie folgt ein:

  • „Da EY die Wirecard-Bilanzen bereits seit 2009 durchgehend geprüft – und bestätigt – hat, stehen nun die Wirtschaftsprüfer selbst im Rampenlicht, wenn es um die Durchsetzung der milliardenhohen Schadenersatzforderungen geschädigter Anleger geht.“ 

Von den EY-Prüfern selbst, vom ansonsten so redseligen Big4-Lobbyverein IDW e.V.. und der Berufs(aufsichts)kammer WPK ist NICHTS zu hören - Schweigen im Walde. Versuche von EY, das Systemversagen zu relativieren und zu erklären, dass man selbst betrogen worden sei, helfen hier überhaupt nicht weiter.

Erinnert man sich doch noch an die vollmundigen Worte des EY-Deutschland-Chef Hubert Barth

  • „Wir haben uns sehr früh mit der Digitalisierung in der Wirtschaftsprüfung auseinandergesetzt und tätigen seit Jahren große Investitionen in Know-how und neue Technologien. Dazu gehören unsere weltweite digitale Prüfungsplattform Canvas und Tools zur Datenanalyse sowie zur automatisierten Unterstützung der Prüfungsdurchführung. Wir nehmen heute eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung der Abschlussprüfung ein. Die digitale Abschlussprüfung von EY bietet Sicherheit, Zuverlässigkeit und neue Einblicke in das Finanzwesen und die Prozesslandschaft von Unternehmen.“

Fraglich ist jedoch, inwieweit "kritische Grundhaltung" und "gesunder Menschenverstand" durch Aufrüstung digitaler Prüfungstools ersetzt werden können.

Mein Tipp wäre jedoch noch ein anderer:

Vielleicht sollten Gesetzgeber und Berufsstand überlegen, die "Verschwiegenheit" (des ach so elitären Berufsstandes) zur Disposition zu stellen. Wie kann der Berufsstand für sich in Anspruch nehmen, dass er eine "systemrelevante Funktion in der Wirtschaftsordnung" hat und sich gleichzeitig im Zeitalter der Transparenz systematisch verweigern. Dies dient nicht der Glaubwürdigkeit und lässt eher vermuten, dass man - wie in der Vergangenheit - eher auf ein "Vergessen" hofft.

So ist es:

Nachrichten über die prozessuale Aufarbeitung von Bilanzskandalen sind ohnehin in deutschen Medien rar gesät und werden - wenn überhaupt - Jahre auf sich warten lassen.