Wirecard: "APAK ermittelte bereits seit 2019 gegen EY"

Ein Jahr vor der Kanzlerwahl scheint der Wirecard-Skandal auch Gegenstand des Polit-Theaters in Berlin zu werden: BMF (SPD) und das BMWi (CDU) ergehen sich in Schuldzuweisungen.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (BMF) hatte bereits letzte Woche ein "16 Punkte-Reformpaket" aus dem Hut gezaubert, möchte die BaFin (Finanzaufsicht) neu ausrichten und sieht schwerwiegende Fehler bei EY als Wirtschaftsprüfer und deren Aufsicht durch die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS).

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU), Rechtsaufsicht über die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) und die APAS, sieht demgegenüber die Aufsicht "gut aufgestellt" und verweist darauf, dass die APAS bereits seit Oktober 2019 gegen EY ermittelt hätte. Das Vorermittlungsverfahren sei nach Vorlage des KPMG-Sonderberichtes im Mai 2020 in ein förmliches Berufsaufsichtsverfahren überführt worden.

Um dieses Theater besser zu verstehen, sollte man folgendes wissen:

  • Die APAK ist die  Fachaufsicht über die rd. 80 Prüfer und Prüfungsgesellschaften (insbesondere die Big4), die Banken, Versicherungen und börsennotierte Unternehmen (ca. 1.750) in Deutschland prüfen - die sogenannten § 319a-HGB-Mandate.
  • Die APAK untersteht - was bereits seit Jahren kritisiert wird - keiner eigenen Fachaufsicht, sondern ihr obliegt sogar noch die Fachaufsicht über die WPK. Somit überwacht sie als letztinstanzliche Fachaufsicht den gesamten Berufsstand und dessen Berufskammer! Ist doch toll - oder?
  • Die APAS ging 2016 aus der APAK hervor, die von honorigen Personen (u.a. Ex-BFH-Präsident Dr.h.c. Wolfgang Spindler und Prof. Kai-Uwe Marten) "ehrenamtlich" geleitet wurde. Diese kassierten jedoch, entgegen der gesetzlichen Vorgabe, über Jahre hinweg Hundertausende Euro an Sitzungsgeldern und Aufwandspauschalen aus den vollen Kassen der WPK.
  • Kollege WP/StB Ralf Bose (Ex-KPMG), heutiger Vorsitzender der APAS, war der Kollege, der in Zeiten der Finanzmarktkrise alle uneingeschränkten  Deutsche-Bank-Testate unterschrieb ("Skandalprüfer") und aus dem Haushalt der WPK erhebliche Zuwendungen für seinen "Übergang auf die APAS" erhielt. 
  • Weiterhin muss man wissen, dass sich die APAS fast ausschließlich aus Big4-Mitarbeitern rekrutiert. So ist man unter sich und die Big4 überwachen sich letztlich selber. Man kennt sich also aus dem Alumni-Netzwerk und bekommt irgendwann die Altersversorgung aus der selben Pensionskasse.

So, und jetzt zum Kern des Themas:

Bundeswirtschaftsminister Altmeier, mein oberster Rechtsaufseher, behauptet zu seiner Entlastung, dass gegen EY in der Causa Wirecard seitens der APAS bereits seit 2019 ermittelt worden wäre. Gleichzeitig bemängelt die APAS aber immer wieder ihre mangelhafte Personal- und Sachausstattung.

Momentan ist die APAS übrigens damit beschäftigt, sich Jahresabschlussprüfungen von § 319a-Mandanten aus dem Jahre 2018(!) anzusehen. Wie spärlich die "Ausbeute" ihrer Tätigkeit ist, läßt sich auf der neuen Website schnell ausmachen (www.apasbafa.bund.de). Von einschlägigen Sanktionen gegen die Big4 ganz zu schweigen. Vielmehr Schweigen und Intransparenz.

Die Wahrheit ist,

  • dass die Berufsaufsicht über die Big4 nicht funktionieren soll bzw. von deren Lobbyisten selbst ineffizient gestaltet und dem Gesetzgeber so "verkauft" wurde.
  • Demgegenüber hat die APAS in den letzten Jahren systematisch eine Marktbereinigung der § 319a-Mandate zugunsten der Big4 betrieben und kleineren Prüfungsgesellschaften durch rüde Methoden und Arroganz das Leben schwer gemacht. Innerhalb weniger Jahre ist die Zahl der § 319a-Prüfer von ca. 300 auf unter 80 Gesellschaften dramatisch zurückgegangen.
  • Über die APAS beaufsichtigen sich die Big4 selber. Die Inspektoren der APAS, die fast ausschließlich aus dem Kreise der Big4 stammen, treffen bei ihren Inspektionen immer wieder frühere Kollegen und Gleichgesinnte.
  • Die APAS ist genauso wie die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) ein "Schlafmützenladen". Die DPR hatte klare Hinweise der BaFin und ließ nur einen einzigen Mitarbeiter über ein Jahr hin "ermitteln". Die APAS hat mangels Personal erst "vorermittelt", dann Monate später "ermittelt" und letztlich ebenfalls nichts festgestellt oder gar verhindert.
  • Wenn der Lobbyismus der Big4 und die Besetzung von Posten in Facharbeit und Aufsicht beim IDW, der WPK und der APAS nicht unterbunden wird, kann die Berufsaufsicht über Wirtschaftsprüfer nicht funktionieren! 

Ein Blick nach Großbritannien ("watchdog") oder in die USA (PCAOB) zeigt, wie man es besser machen kann. Dort werden bei fehlerhaften oder gar skandalösen Prüfungen die Gesellschaften beim Namen genannt und es werden drakonische Millionen-Strafen oder gar Berufsverbote verhängt.

Der "16-Mrd.€-Markt der Wirtschaftsprüfer in Deutschland" ist für die Big4 ein "Ort der Glückseligkeit"! Sie alleine haben einen Marktanteil von rd. 50%!

Man überwacht sich selber und die Feststellungen der Inspektionen bleiben intransparent!