PwC kauft sich eine halbe Uni

Über die ausufernde Marktmacht der Big4 und deren weltweites System der Intransparenz habe ich bei wpwatch schon des öfteren geschrieben. Die massive Einflussnahme der Big4-Lobbyisten auf Gesetzgebungsverfahren und deren tägliche Omnipräsenz durch gefakte "Studien on demand" sowie vorgespielte Besserwisserei nerven schon gewaltig.

Dass die Big4 auch wie Kraken in Wissenschaft und Forschung agieren, ist allseits bekannt. Stiftungslehrstühle, Promotionsfabriken und die Vervollständigung der Titelsammlungen der "Big4-Führungs-Elite" gehören ebenso zum Tagesgeschäft wie agressives Personalrecruiting bei den Studierenden. 

Unter dem Motto: "Wehret den Anfängen!" sowie dem Ethos "Freiheit und Unabhängigkeit der Lehre" beobachte ich eine weitere Stufe des Eingriffs in Grundwerte unserer Gesellschaft. In einer Pressemeldung heißt es:

  • Digitaler geht nicht: PwC und DBU setzen auf praxisnahe Lerninhalte in Sachen Digitalkompetenz. Die Digital Business University of Applied Sciences (DBU), Berlin, sekundiert als Hochschule: „Gemeinsam mit neuem Investor: DBU baut mit PwC die digitalen Bildungsangebote der Zukunft aus.“

Beiden geht es also um Digitalkompetenz. Das Vehikel dafür ist der Erwerb von 49,9 Prozent der Geschäftsanteile der DBU durch PwC. DBU ist eine in 2018 gegründete Wirtschaftshochschule, die ihre Studienangebote konsequent auf die digitalisierte Wirtschafts- und Arbeitswelt ausrichtet.

Die Hochschule bietet aktuell verschiedene Bachelor-Studiengänge an, zum Beispiel

  • Digital Business Management,
  • Digital Marketing & Communication Management und 
  • Data Science & Business Analytics.

Durch PwC soll nun spezielle Expertise in den Bereichen

  • Cyber Security,
  • Digital Ethics und
  • Finance Transformation hinzukommen.

Die DBU möchte nach Eigenangaben die Expertise der Berater nutzen, um die Lerninhalte besser auf die Bedürfnisse zukünftiger Arbeitgeber der Studierenden auszurichten. PwC selber sagt, dass von den Weiterbildungsangeboten der DBU auch die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren werden. Ihnen sollen sogenannte Microlearnings zur Verfügung stehen, also kleinere Lernhappen, für die eine Berufstätigkeit nicht längerfristig unterbrochen werden muss. Außerdem möchte PwC an der DBU die „digitalen Pioniere von morgen ausbilden“.

Das eine Hochschule Investoren sucht, ist nicht verwunderlich, da der Markt der privaten Wirtschaftshochschulen in den vergangenen Jahren stark gewachsen und hart umkämpft ist. Interessant ist die Beteiligung aber, da sie in dieser Konstellation ein Novum darstellt und sich verschiedene Fragen zur Motivation aufdrängen:

  • Braucht die Hochschule PwC tatsächlich als verlängerten Marktforschungsarm, um zu erkennen, welche Skills benötigt und nachgefragt werden?
  • Sieht der Beratungs- und Prüfungsriese die DBU als lohnendes (Finanz-) Investitionsobjekt?
  • Ist PwC vielleicht ein versteckter Vertriebsarm, um an neue Studierendengruppen, die sich aus den PwC-Kunden rekrutieren, herantreten zu können?
  • Dient die Hochschule als Nebentätigkeitsspielplatz (oder gar Ruhesitz) für erfahrene und verdiente Seniorberater und Partner?
  • Steigt PwC selber in den tertiären Ausbildungsmarkt ein, um den Eigen- oder gar Fremdbedarf an Berufseinsteigern zu decken?
  • Probiert die Beratung neue Wege aus, um die circa 12.000 Mitarbeiter/innen inhaltlich passgenau und dabei orts- und zeitunabhängig fortbilden zu können?

Übrigens: PwC beriet sich bei diesem Deal selbst. Due Dilligence und Vertragsgestaltung erfolgten von PwC-Legal AG für die WPG.

Offensichtlich haben wir damit eine neue Stufe der Einflussnahme der Big4 im Hochschul- und Bildungsbereich erreicht: Man begnügt sich nicht mehr mit Lehraufträgen oder Stiftungsprofessuren, sondern kauft gleich den halben Laden, um letztlich mit der wirtschaftlichen Potenz den Hochschulbetrieb nach Belieben bestimmen zu können.