Prof. Marten: Hurra! - bald dürfen wir in die Wirecard-Prüfungsberichte schauen!

Nachdem das IDW und die WPK im Falle Wirecard aus ihrer Schockstarre erwacht sind und erste Stellungnahmen abgegeben haben, melden sich auch erste professorale "Experten" in der Sache zu Wort. Allen voran Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, Uni Ulm. Übrigens eine jener Unis, die in dem gefakten Ranking des manager magazins unter die "TOP-Adressen für Wirtschaftsprüfer" kam (vgl. mein Newsletter Nr. 82).

"Experte" Prof. Marten (58) macht im manager magazin den Wirecard-Gläubigern "Hoffnung", da diese gemäß § 321a HGB nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens unter bestimmten Voraussetzungen die EY-Prüfungsberichte 2016-2018 einsehen dürfen. Sollten Betroffene Einsicht in die Berichte fordern, so Experte Marten, würde es "spannend".

  • "Dann kann man sehen, was die Wirtschaftsprüfer im Fall Wirecard gemacht haben, ob es Verdachtsfälle gab und wenn ja, wie sie dem nachgegangen sind."

Bei dieser Aussage fragt man sich tatsächlich,

  • ob Experte Marten weiß, was in einem Prüfungsbericht berufsüblich drin steht (IDW PS 450 n.F.)?
  • Weiterhin wird man sich kaum vorstellen können, was in den abschließenden EY-Prüfungsberichten noch drinsteht, wenn die "Bande von Aschheim" das Leseexemplar bearbeitet hat!?
  • Wie will man denn seitens EY in der Vergangenheit "uneingeschränkt" testiert haben, wenn man im Prüfungsbericht bedeutende "Verdachtsfälle" aufgelistet sehen und erfahren würde, wie EY damit umgegangen ist!?

Experte Marten nimmt in seinem Pressestatement offensiv EY in Schutz und erläutert der erstaunten Öffentlichkeit:

  • Es ist ein großer Unterschied, ob man eine normale gesetzliche Abschlussprüfung durchführt oder gezielt nach Betrug sucht. EY habe lediglich den Auftrag gehabt zu prüfen, ob der Wirecard-Abschluss mit den gesetzlichen Bestimmungen und den IFRS  übereinstimme. Unterschied: An einer Sonderprüfung, wie KPMG sie dann durchgeführt habe, seien - so erfährt man vom Experten - beispielsweise "ehemalige Kriminalkommissare" beteiligt.

Gemäß gesetzlichem Auftrag (§ 317 I 3 HGB) war es die Aufgabe von EY die Prüfung von Wirecard so anzulegen,

  • "dass Unrichtigkeiten und Verstöße ... bei gewissenhafter Berufsausübung erkannt werden."

Aber vielleicht versucht es Experte Marten einmal mit den berufsständischen Verlautbarungen des Lobbyvereins der Big4, dem IDW e.V.:

Nach IDW PS 302 n.F. (Tz. 20 und A25f.) hätte EY bei einem Volumen von 1,9 Mrd.€ zwingend Bankbestätigungen mit einem vorgeschriebenen Mindestinhalt einholen müssen (Tz. 21 und A27 ff.). Anforderung zur Einholung von Dritt- bzw. Bankbestätigungen ist in jedem Falle, dass der Abschlussprüfer "(jederzeit) die Kontrolle über das Bestätigungsverfahren bewahren muss." (vgl. IDW PS 302 n.F., Tz. 8 und A10) und sich nicht mit Screenshots, Kopien oder anderen Taschenspielertricks abspeisen lässt.

Um zu diesen Erkenntnissen zu kommen, muss man übrigens kein "Experte" sein. Die eigenverantwortliche und nicht manipulierbare Einholung von Bestätigungen Dritter gehört im WP-Examen zum Einstiegsthema "Wirtschaftsprüfung for beginners"!

Der Berufsstand und die Öffentlichkeit haben für solche Experten-Statements kein Verständnis. Dies sieht wohl eher nach Lobbyarbeit aus!