Aktuelles

10.07.2020
IDW e.V., WPK und der Suchbegriff "Wirecard"

Es ist schon unglaublich! - Ein milliardenschwerer Bilanzskandal erschüttert den Wirtschaftsstandort Deutschland und deutet auf ein kollektives Versagen der Finanzaufsicht und der Wirtschaftsprüfer hin. Und die interessierte Öffentlichkeit fragt sich, wie sich der Berufsstand zu diesen Vorhaltungen positioniert.

Also gebe ich bei www.idw.de und www.wpk.de der Suchbegriff "Wirecard" ein und bin gespannt, welche Dokumente mir angezeigt werden.

Ergebnis:

  • Der Lobbyverein IDW e.V. kennt den Suchbegriff "Wirecard" überhaupt nicht! - War da vielleicht etwas? - Selbst im exklusiven Mitgliederbereich "Mein IDW" erscheinen keine Ergebnisse bei Eingabe dieses Suchbegriffs. Selbst der "Presseraum" für Journalisten  ist leer. - "Man erwartet dort aber gerne Ihren Anruf."
  • Am Abend des 06.07.2020 versendete das "IDW-Infocenter" ein fünfseitiges Statement zum Falle Wirecard (exklusiv nur) an die Mitglieder des IDW-Vereins. In der Fußnote dieses Dokuments verweist man direkt auf die weltweiten speziellen Copyright-Regeln des IDW: "Die Texte auf den IDW Webseiten unterliegen weltweitem Urheberrecht. Unerlaubte Verwendung, Reproduktion oder Weitergabe einzelner Inhalte oder kompletter Seiten werden sowohl straf- als auch zivilrechtlich verfolgt."
  • Die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) hat (seit vorgestern) immerhin einen Verweis auf eine Pressemitteilung des Kammerpräsidenten vom 07.07.2020.

Jetzt werde ich nachdenklich und frage mich, wie Krisen-Kommunikation des Berufsstands in unserer medialen Welt funktioniert? Welche Inhalte werden den Mitgliedern und der Öffentlichkeit mitgeteilt?

Kammerpräsident Ziegler bringt´s kurz und knapp auf 2 Seiten: "Erst aufarbeiten, dann Maßnahmen diskutieren". Hört sich an wie

  • erst denken, dann reden oder
  • mein Name ist Hase ...oder
  • solange diskutieren und Nebelkerzen werfen, bis es keinen mehr interessiert. Aber bitte erst diskutieren, wenn (in fünf Jahren) alle Fakten auf dem Tisch liegen!? ...

Schwerer tut sich schon der CEO des Lobbyvereins Prof. h.c. Naumann:

Auf 5 Seiten erfahren die Vereinmitglieder (und nur diese):

  • das IDW hat keine Insiderinformationen,
  • der Fall muss erst einmal (wohl jahrelang) analysiert werden,
  • es gab Mängel in der Corporate Governance (Naumann sitzt zufällig in der Regierungskommission),
  • EY hat doch eigentlich den umfassenden weltweiten Betrug erst aufgedeckt!? (wer´s denn glaubt...)
  • die APAS wird - "wenn notwendig" - Fehlverhalten sanktionieren,
  • das IDW hat schon immer eine Ausweitung der Abschlussprüfung um die Prüfung der Nachhaltigkeitsberichterstattung gefordert.

Klingt doch irgendwie ähnlich - oder?

Frage ist nur, wer hier wem das Statement diktiert hat: Die Kammer (Berufsaufsicht) dem Lobbyverein? - oder - der Lobbyverein IDW der WPK (KdöR). - Wohl eher Letzteres!!!

Und jetzt mal Klartext:

Dies hat mit erforderlicher zeitgemäßer Krisen-Kommunikation und einem verantwortlichen Umgang des Berufsstands mit solch einem "Super-Gau" nichts zu tun. Der Berufsstand trägt wieder einmal - wie in einer Fronleichnahms-Prozession - seine Verschwiegenheit und das Berufssiegel durchs Dorf und ist von sich selbst beeindruckt!

Kammerpräsident und Lobby-Vereins-CEO hätten auch sagen können: Klappe halten, intern aufarbeiten und verschweigen und die Big4 bitte nicht in ihrem ausuferndem milliardenschweren Geschäftsmodell stören oder regulieren.

Der Berufsstand hat damit jedoch seine gesetzliche systemrelevante Rolle in der Wirtschaftsordnung und damit das Recht auf Selbstverwaltung verloren.

Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus!

09.07.2020
Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer

Da reibt man sich schon die Augen: Ein seit 9 Jahren von EY uneingeschränkt testiertes Geschäftsmodell von Wirecard mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Mrd. € fällt innerhalb weniger Wochen wie ein Kartenhaus zusammen und löst sich in Schall und Rauch auf. - Systemversagen der Finanzaufsicht sagen die einen, Unfähigkeit der Wirtschaftsprüfer sagen die anderen.

Alle stehen unter Schock und spielen ihre Rolle:

  • Politiker verlangen eine Neuordnung der Finanzaufsicht (BaFin, DPR) und schärfere gesetzliche Vorschriften,
  • IDW e.V. und Lobbyisten des Berufsstandes sprechen von nicht prüfbarer krimineller Energie der Betrüger und
  • Anlegeranwälte sammeln Mandate und hoffen auf millionenschweren Schadensersatz.

Hierzu ist zunächst einmal festzustellen, dass EY gemäß §§ 823 II BGB, 332 HGB auch Dritten gegenüber haftet. Gemäß § 323 II HGB (und den AAB des IDW e.V.) ist die Haftung jedoch auf vier Mio. € begrenzt. Eine höhere Haftung kann dispositiv mit dem Mandanten vereinbart werden, ist jedoch die Ausnahme. Lediglich dann, wenn man EY im Klagewege Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit (bedingten Vorsatz) nachweisen kann, gilt die gesetzliche Haftungsbegrenzung nicht mehr. Dies erfuhr bspw. KPMG seinerzeit im Bilanzskandal Flowtex, wo man letztlich an die geschädigten Banken 100 Mio. DM Schadensersatz zahlen musste, die durch die Wiesbadener Versicherungsstelle gezahlt wurden. Derartige Prozesse ziehen sich über Jahre hin, sofern man nicht einen "Deal" mithilfe der Vermögenschaden-Haftpflichtversicherung macht - um aus den Medien heraus zu kommen. 

Verfahren gegen die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer werden hierbei in der Regel abgetrennt bzw. gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt. Dies erfuhren die beiden verantwortlichen EY-Kollegen im Zusammenhang mit der Schlecker-Insolvenz. Deren Verfahren auf Zahlung von Schadenersatz wurden gegen Zahlung von (nur) 40 T€ bzw. 20 T€ eingestellt.

Berufsaufsichtsrechtlich und berufsgerichtlich wird gemäß §§ 67 ff. WPO lediglich das "Fehlverhalten" von natürlichen Personen im Berufsstand sanktioniert, d.h. dass EY von der WPK bzw. im Wege der Berufsgerichtsbarkeit (§§ 71a ff. WPO) nichts zu befürchten hat. Ob ein berufsgerichtliches Verfahren gegen EY eingeleitet wird, entscheidet die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) der WPK mit Mehrheit. Da es sich bei Wirecard jedoch um ein PIE-Mandat (§ 319a HGB) handelt, obliegt der Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) die letztinstanzliche Fachaufsicht. Auch hier dürfte EY nicht viel zu befürchten haben, da sich die APAS fast ausschließlich aus ehemaligen Big4-Mitarbeitern rekrutiert.

Halten wir also fest:

  • Die Haftung von EY im Falle Wirecard ist auf (lächerliche) 4 Mio.€ begrenzt.
  • Mehr Schadensersatz gibt es nur (von der Versicherung), wenn man EY nachweisen kann, dass dort grob fahrlässig geprüft wurde (mühsam, aber wohl nicht ganz aussichtslos).
  • Die "A-Karte" im Spiel haben die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer Budde, Dahmen, Treitz, Worthmann und Loetscher.

EY, IDW e.V., WPK und die gesamte WP-Branche hoffen jetzt wohl auf eine medienwirksame Inszenierung des weltweiten Betrugsfalles Wirecard mit weltweiter Suche nach untergetauchten Verantwortlichen, Aufdeckung verschwundener Milliarden und spektakulären Details. Dies lenkt so schön vom Fehlverhalten oder schlampigen Prüfen der Big4 ab. Von deren Mitverantwortung und den Sanktionen wird im Zweifel die Öffentlichkeit nichts erfahren.

Der Bilanzskandal Wirecard sollte für alle Beteiligten Anlass sein, sich der Realität zu stellen, eine ehrliche Diskussion zu führen und den Berufsstand neu auszurichten. Ansonsten ist die "Selbstverwaltung" des freien Berufs in Gefahr. - Jeder muss jetzt den Knall gehört haben!

09.07.2020
Prof. Marten: Hurra! - bald dürfen wir in die Wirecard-Prüfungsberichte schauen!

Nachdem das IDW und die WPK im Falle Wirecard aus ihrer Schockstarre erwacht sind und erste Stellungnahmen abgegeben haben, melden sich auch erste professorale "Experten" in der Sache zu Wort. Allen voran Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, Uni Ulm. Übrigens eine jener Unis, die in dem gefakten Ranking des manager magazins unter die "TOP-Adressen für Wirtschaftsprüfer" kam (vgl. mein Newsletter Nr. 82).

"Experte" Prof. Marten (58) macht im manager magazin den Wirecard-Gläubigern "Hoffnung", da diese gemäß § 321a HGB nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens unter bestimmten Voraussetzungen die EY-Prüfungsberichte 2016-2018 einsehen dürfen. Sollten Betroffene Einsicht in die Berichte fordern, so Experte Marten, würde es "spannend".

  • "Dann kann man sehen, was die Wirtschaftsprüfer im Fall Wirecard gemacht haben, ob es Verdachtsfälle gab und wenn ja, wie sie dem nachgegangen sind."

Bei dieser Aussage fragt man sich tatsächlich,

  • ob Experte Marten weiß, was in einem Prüfungsbericht berufsüblich drin steht (IDW PS 450 n.F.)?
  • Weiterhin wird man sich kaum vorstellen können, was in den abschließenden EY-Prüfungsberichten noch drinsteht, wenn die "Bande von Aschheim" das Leseexemplar bearbeitet hat!?
  • Wie will man denn seitens EY in der Vergangenheit "uneingeschränkt" testiert haben, wenn man im Prüfungsbericht bedeutende "Verdachtsfälle" aufgelistet sehen und erfahren würde, wie EY damit umgegangen ist!?

Experte Marten nimmt in seinem Pressestatement offensiv EY in Schutz und erläutert der erstaunten Öffentlichkeit:

  • Es ist ein großer Unterschied, ob man eine normale gesetzliche Abschlussprüfung durchführt oder gezielt nach Betrug sucht. EY habe lediglich den Auftrag gehabt zu prüfen, ob der Wirecard-Abschluss mit den gesetzlichen Bestimmungen und den IFRS  übereinstimme. Unterschied: An einer Sonderprüfung, wie KPMG sie dann durchgeführt habe, seien - so erfährt man vom Experten - beispielsweise "ehemalige Kriminalkommissare" beteiligt.

Gemäß gesetzlichem Auftrag (§ 317 I 3 HGB) war es die Aufgabe von EY die Prüfung von Wirecard so anzulegen,

  • "dass Unrichtigkeiten und Verstöße ... bei gewissenhafter Berufsausübung erkannt werden."

Aber vielleicht versucht es Experte Marten einmal mit den berufsständischen Verlautbarungen des Lobbyvereins der Big4, dem IDW e.V.:

Nach IDW PS 302 n.F. (Tz. 20 und A25f.) hätte EY bei einem Volumen von 1,9 Mrd.€ zwingend Bankbestätigungen mit einem vorgeschriebenen Mindestinhalt einholen müssen (Tz. 21 und A27 ff.). Anforderung zur Einholung von Dritt- bzw. Bankbestätigungen ist in jedem Falle, dass der Abschlussprüfer "(jederzeit) die Kontrolle über das Bestätigungsverfahren bewahren muss." (vgl. IDW PS 302 n.F., Tz. 8 und A10) und sich nicht mit Screenshots, Kopien oder anderen Taschenspielertricks abspeisen lässt.

Um zu diesen Erkenntnissen zu kommen, muss man übrigens kein "Experte" sein. Die eigenverantwortliche und nicht manipulierbare Einholung von Bestätigungen Dritter gehört im WP-Examen zum Einstiegsthema "Wirtschaftsprüfung for beginners"!

Der Berufsstand und die Öffentlichkeit haben für solche Experten-Statements kein Verständnis. Dies sieht wohl eher nach Lobbyarbeit aus!

03.07.2020
Wirecard: Das Systemversagen und der alte Zopf mit der Verschwiegenheit

Der Fall Wirecard hat in der unrühmlichen Reihe deutscher Bilanzskandale die Qualität eines Erdbebens. Experten sprechen mittlerweile von einem kollektiven Aufsichtsversagen von BaFin, DRP und Wirtschaftsprüfern. Das Vertrauen in die Finanzberichterstattung ist (mal wieder) dahin!

Während sich die deutsche Bilanzpolizei (DPR) und die BaFin auf ihren Websites aktuell mit Nicht-Zuständigkeit zu rechtfertigen suchen, verschanzt man sich im Berufsstand hinter der berufsmäßigen Verschwiegenheit (§§ 17, 43 I WPO).

Die DPR lässt in einer Pressemitteilung vom 01.07.2020 wissen

  • „dass im Fall Wirecard zu keinem Zeitpunkt Mängel im Prüfablauf vorlagen und die Prüfung jederzeit streng nach den Vorgaben des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) und des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) erfolgt ist. Auch die Kommunikation mit der BaFin hat im üblichen Maß und in der etablierten Frequenz stattgefunden“. 

Von 4-Augen-Prinzip und Funktionstrennung bei der Prüfung scheint man bei der DPR bisher wohl noch nichts gehört zu haben, da man mit der Wirecard-Prüfung nur einen Mitarbeiter beauftragt habe...

Auch die Verteidigungsstrategie der BaFin konzentriert sich nun offenbar auf eine Nichtzuständigkeitsdebatte. Nachdem deren Chef Felix Hufeld am 23.6.2020 im Rahmen einer Tagung hinsichtlich Wirecard von einer

  • „Schande“ für Deutschland (vgl. FAZ vom 23.6.2020, S. 15) gesprochen hatte, ging es in einer Anhörung nur eine Woche später um technisch anmutende Zuständigkeitsaspekte dahingehend, ob die Wirecard AG als Finanzholding anzusehen ist oder nicht.

Im Auge des Sturms ist mittlerweile auch EY:

Beispielsweise schätzte der Prozessfinanzierer FORIS AG die Lage laut Mitteilung vom 2.7.2020 wie folgt ein:

  • „Da EY die Wirecard-Bilanzen bereits seit 2009 durchgehend geprüft – und bestätigt – hat, stehen nun die Wirtschaftsprüfer selbst im Rampenlicht, wenn es um die Durchsetzung der milliardenhohen Schadenersatzforderungen geschädigter Anleger geht.“ 

Von den EY-Prüfern selbst, vom ansonsten so redseligen Big4-Lobbyverein IDW e.V.. und der Berufs(aufsichts)kammer WPK ist NICHTS zu hören - Schweigen im Walde. Versuche von EY, das Systemversagen zu relativieren und zu erklären, dass man selbst betrogen worden sei, helfen hier überhaupt nicht weiter.

Erinnert man sich doch noch an die vollmundigen Worte des EY-Deutschland-Chef Hubert Barth

  • „Wir haben uns sehr früh mit der Digitalisierung in der Wirtschaftsprüfung auseinandergesetzt und tätigen seit Jahren große Investitionen in Know-how und neue Technologien. Dazu gehören unsere weltweite digitale Prüfungsplattform Canvas und Tools zur Datenanalyse sowie zur automatisierten Unterstützung der Prüfungsdurchführung. Wir nehmen heute eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung der Abschlussprüfung ein. Die digitale Abschlussprüfung von EY bietet Sicherheit, Zuverlässigkeit und neue Einblicke in das Finanzwesen und die Prozesslandschaft von Unternehmen.“

Fraglich ist jedoch, inwieweit "kritische Grundhaltung" und "gesunder Menschenverstand" durch Aufrüstung digitaler Prüfungstools ersetzt werden können.

Mein Tipp wäre jedoch noch ein anderer:

Vielleicht sollten Gesetzgeber und Berufsstand überlegen, die "Verschwiegenheit" (des ach so elitären Berufsstandes) zur Disposition zu stellen. Wie kann der Berufsstand für sich in Anspruch nehmen, dass er eine "systemrelevante Funktion in der Wirtschaftsordnung" hat und sich gleichzeitig im Zeitalter der Transparenz systematisch verweigern. Dies dient nicht der Glaubwürdigkeit und lässt eher vermuten, dass man - wie in der Vergangenheit - eher auf ein "Vergessen" hofft.

So ist es:

Nachrichten über die prozessuale Aufarbeitung von Bilanzskandalen sind ohnehin in deutschen Medien rar gesät und werden - wenn überhaupt - Jahre auf sich warten lassen.

29.06.2020
Wirecard - ein Gedicht

Der jähe Absturz von Wirecard - und wieder mal ein "Supergau" im Finanzkapitalismus.

Bilanzmanipulation, Betrug, WP-Versagen, Strafanzeigen, Schadenersatzklagen, superschlaue Anlegeranwälte mit Statements - und all das im Stundentakt ...

Hierzu, anstatt seitenlanger Abhandlungen und Wiederholungen von Nachrichten-Meldungen, das passende Gedicht - zum schmunzeln:

Die Geschichte ähnlich klingt,
wie neulich noch DAX‘ liebstes Kind.

WIRECARD war groß im Kommen,
wie Apple stylisch, heiß begehrt,

Die Anleger ham‘s gern genommen,
doch ahnte man, es läuft verkehrt.

Meldungen gabs schon seit Jahren,
über manch Geschäftsgebaren,

Whistleblower taten kund,
Journalisten schrieben viel,
und es machte längst die Rund‘,
doch unterblieb, weil es missfiel.

Stattdessen droht man Klage an,
zu unterlassen, weil es Rufmord sei,
Ernst & Young ist gleich dabei,
doch jetzt die BAFIN auch mit dran.

Jetzt fliegt der ganze Skandal auf,
die Schlagzeile geht um die Welt,
es stürzt sich wirklich jeder drauf,
Millionen Anleger geprellt.

1,9 Milliarden sind „verloren“,
es scheint, sie waren nie „geboren".

Das Geld es sei in Asien dort,
doch wo genau an welchem Ort?

Zu treuen Händen gab man hin,
der Herr dort leider nie erschien.

Die Summe der Bilanz nun sei,
zu einem Viertel Augenwischerei.

Der CEO hat Angst bekommen,
nun auch gleich vom Thron geklommen.

Sogleich er sich in Haft begeben,
denn fürchtet ja schon neues Beben,

doch bleibt nicht lang, nur über Nacht,
denn hat ja auch was mitgebracht,

5 Millionen sei der Lohn,
für freien Fuß- man nennt’s Kaution.

Woher hat man denn soviel Geld?
Die Frage sich nun jeder stellt.

Die Antwort ist hier gleich gegeben,
man war aktiv noch VOR dem Beben.

Er hat, so sei ja zugegeben,
die Aktien an fremd gegeben

als sie hatte noch nen Wert,
das sei ja schließlich nicht verkehrt.

Pikant dabei, denn das Papier,
bemisst in Euro, exakt vier,

doch war Verkauf, ein jeder weiß,
zu einem etwas höh’ren Preis.

Das Papier, man wird fast schwach,
im Preis war fast mal fünfzigfach.

WIRECARD, der Niedergang,
meldet Insolvenz nun an.

Der Börsenplatz erschüttert schwer,
„es müssen Konsequenzen her“,

fordern jetzt, von Groß bis Klein,
alle aus verschied’nen Reih’n.

Wie lautet nun, ich frag‘ nochmal,
aus dem Skandal denn die Moral?

Hättet mehr gehört,
auf was euch damals hat gestört.

Ungereimt, so manches war,
doch keiner wollte haben wahr.

Leute tuen Kund‘,
dass es läuft nicht rund.

Natürlich kann man nicht erbringen,
den Beweis bei krummen Dingen,

denn darauf ist der Chef erpicht,
dass Belege gibt es nicht!

Doch Mahner gibt es gar zuhauf,
ihr besser einmal hört auch drauf!

Vielen Dank an den dichtenden Münchner Ex-Kollegen!

29.06.2020
Wirecard - auch die deutsche Bilanzpolizei hat versagt

Seit dem Jahr 2005 ist die Deutsche Bilanzpolizei (DPR e.V.) für die Durchsetzung von Rechnungslegungsnormen in Deutschland zuständig. Dabei bildet sie - neben Abschussprüfer und Aufsichtsrat - die dritte Säule des Enforcements.

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens der DPR fand am 03. Juli 2015 ein Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt, an dem rund 180 geladene Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung teilnahmen. Dies konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bereits  erhebliche Zweifel an der Kompetenz und Effizienz der DPR, einem privatwirtschaftlichen Verein, laut wurden. WPwatch hatte bereits 2014 den "Club der Ü-60-Egomanen" durchleutet und erhebliche Zweifel an dessen Unabhängigkeit geäußert. Die Reputation des Vereins war massiv beschädigt, so dass renomierte Mitglieder umgehend zurücktraten. 

Doch nun zum Wirecard-Skandal:

Als eine der ersten Konsequenzen aus dem medienwirksamen Bilanzskandal kündigt die Bundesregierung den Vertrag mit der "Bilanzpolizei" zum nächstmöglichen Termin (31.12.2021)!

Spätestens bis dahin müssen die Ministerien eine neue Kontrollstruktur gefunden haben.

Das Fass zum Überlaufen brachte offensichtlich die Tatsache, dass die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin) bereits im Februar 2019 der DPR eindeutige Hinweise auf "Ungereimtheiten" in der Halbjahresbilanz von Wirecard gab und man dort mit lediglich einem subalternen Mitarbeiter 16 Monate ohne Ergebnis und Zwischenbericht herumwurschtelte. Zur Personalstärke der Bilanzpolizei heißt es noch heute auf der Website des Vereins: "Die Anzahl der Planstellen für die Mitglieder der Prüfstelle beträgt derzeit 15, wobei der Stellenplan nicht vollständig ausgeschöpft wird." - Ein Witz!

Schön, dass zwischenzeitlich der skandalöse Präsident der DPR (Prof. h.c. Edgar Ernst) seine sechsstelligen Aufsichtsratshonorare bei diversen DAX-Unternehmen kassieren konnte. - Ein Treppenwitz!!! Ebenso scheint es ja auch unauffällig gewesen zu sein, dass sich Dr. h.c.  Wolfgang Spindler, Ex-BFH-Präsident und Ex-APAK-Vorsitzender, in diesem erlauchten Bilanzpolizei-Gremium jahrelang bewegte und auch heute wieder mit klugen Vorschlägen zu Wort meldete.

Der Fisch stinkt eben immer vom Kopf her!

16.06.2020
EY-Mitarbeiter erhält rd. 11 Mio. USD Schadenersatz

EY , nach der Lünendonk-Liste 2019 die Nr. 2 der Big4 im deutschen Markt, kann auf eine hervorragende Entwicklung in den letzten beiden Jahren zurückblicken. 

Bei genauerer Betrachtung muss man jedoch feststellen, dass es bei EY momentan diverse "Buschfeuer" gibt, über die selbst schöne Selbstdarstellungs-Berichte und gekaufte Rankingergebnisse in den Wirtschafts-Gazetten wie manager magazin, Fokus, brandeins etc. nicht hinwegtäuschen können.

Schlimm und unangenehm wird die Sache für die Big4 immer dann, wenn es um die Reputation und Glaubwürdigkeit der Berufsgesellschaft geht, da gerade hierdurch potentielle Kunden, Mitarbeiter und der qualifizierte Berufsnachwuchs verschreckt werden können.

Über innerbetriebliche Auseinandersetzungen mit Mitarbeitern / Partnern erfährt man nur selten, da man hier seitens der Big4 immer schnell eine außergerichtliche Einigung sucht und strenge Verschwiegenheit vereinbart wird. In Deutschland sind solche Berichte ohnehin äußerst selten. In GB und den USA erfährt man hingegen schon eher von solchen Auseinandersetzungen und pikanten Details.

Im folgenden Fall geht es um Amjad Rihan, einen jungen britischen Wirtschaftsprüfer und Partner von EY Dubai, der vor wenigen Wochen einen siebenjährigen Kampf gegen seinen früheren Arbeitgeber EY gewann. Die Richter des britschen High Court haben EY zu einer Zahlung in Höhe von 11 Mio.USD verurteilt. Es geht um seine Kündigung, nachdem er bei der Prüfung der Goldhandelsfirma Katoli Jewellery International in Dubai illegale Geschäfte festgestellt hatte, die durch EY systematisch vertuscht wurden. Nach Ansicht der Richter kollaborierte EY mit dem Mandanten, tolerierte illegale Gold-Exporte und unterließ Prüfungsfeststellungen zur Geldwäsche.

Mit allen Mitteln und Tricks versuchte EY bei Gericht den Eindruck zu erwecken, dass der abtrünnige WP-Partner ein "Lügner und Opportunist" sei, was die Richter jedoch letztlich als völlig unbegründet zurückwiesen. Vorsorglich verklagte Amjad Rihan gleich vier unterschiedliche EY-Einheiten des internationales Netzwerks, da er glaubte, dass die Verantwortung von EY nicht auf die EY-Dubai-Einheit beschränkt werden könne; EY sei schließlich ein globales Netzwerk. Alle vier EY-Einheiten zeigten sich vor Gericht uneinsichtig und erklärten sich für diesen Umgang mit dem Ex-Partner jeweils nicht verantwortlich.

Die Richter ließen sich auf keine Diskussion und weiteres "Katz und Maus-Spiel" ein und argumentierten, dass letztlich EY-Global die Verantwortung tragen würde, da die jeweiligen Einheiten  EY-Global "untergeordnet" seien.

EY zeigte sich von dem Urteil "enttäuscht und überrascht". - Na, sowas!?

Dieses Urteil ist insoweit wichtig, als die Big4-Gesellschaften, die weltweit unter einheitlicher Firmierung arbeiten, im Falle von Haftungsfällen und/oder Schadensersatzprozessen künftig nicht mehr sagen können, dass hierfür nur die regionale Einheit verantwortlich war.

27.05.2020
EY und Wirecard - Wirtschaftsprüfer werden zum Spielball!

"Wirtschaftsprüfung" im medialen Zocker-Zeitalter! - Hierzu erleben wir seit Wochen ein schockierendes Beispiel, das sprachlos macht - WIRECARD! Diese Angelegenheit mutiert langsam zur Witzveranstaltung anstatt zu einer qualifiziert durchgeführten Abschlussprüfung - unabhängig, gewissenhaft, eigenverantwortlich ... (§§ 43 I, 17 WPO).

Wirtschaftsprüfung heißt heutzutage offensichtlich, dass wir uns zum Spielball für Hasadeure, Leerverkäufer, mediale Blender und haftungsrechtliche Fallensteller machen. Gleichzeitig wird unendlicher Druck aufgebaut und den Wirtschaftsprüfern ihr Stellenwert im Finanzkapitalismus als "austauschbare Dienstleistung" von den Jongleuren deutlich vor Augen geführt.

Ich finde dies unerträglich! Insbesondere auch, dass das IDW, die WPK und insbesondere die Politik diesem Treiben tatenlos zuschauen, keiner "einen Arsch in der Hose hat", klare Worte findet und dem Berufsstand (EY) den Rücken stärkt!

Mutmaßliche Bilanzmanipulationen, fehlende Prüfungsnachweise, ausstehende Auskünfte Dritter und fragliche Sonderprüfungs-Ergebnisse von KPMG einerseits und eine unerträgliche Mißachtung der Mitwirkungspflichten (§ 320 HGB) durch den Möchtegern-Milliardär und Gründer sowie den Finanzvorstand andererseits. Ich möchte nicht in EY´s Rolle stecken und mir dieses Theater von Erwartungs- und Medienterror antun.

Lesen Sie sich doch einmal diesen Quatsch aus der Zockerwelt und dem sprüche-klopfenden Finanzvorstand durch! - Geht´s noch?

Es gibt im Umgang mit Wirtschaftsprüfern offensichtlich keine Regeln, keine Ethik und keinen Anstand mehr. Und alle schauen (aus der zweiten Reihe) lustig zu!

Das IDW, allen voran Prof.h.c. Naumann, träumt vom WP als "Sparingspartner" oder "Dirigenten", die WPK ist in Schockstarre und schaut sich alles lieber im Nachhinein im Rahmen der Berufsaufsicht an und in der Politik des BMWi haben Wirtschaftsprüfer ohnehin keine systemrelevante Funktion mehr! Man redet nur noch mit Lobbyisten!

26.05.2020
Was ist bei Rödl los?

Keine Berufsgesellschaft hat es bei wpwatch bisher auf 41 Meldungen geschafft. Das schafft nur Rödl! Und dies hat man sich im Frankenland in den letzten 5 Jahren auch wahrlich verdient. In den letzten Monaten wurde es auffällig ruhig um Prof. h.c. Christian Rödl und seine treuen Mitstreiter.

Unvergessen bleiben jedoch "Knaller" wie

Am 09.12.2019 schrieb Prof. h.c. Rödl hausintern an die Mitarbeiter/innen eine Rundmail und kündigte - langfristig gedacht - eine "deutliche Vergrößerung des Gesellschafterkreises und eine optimale Eigentümer-Struktur" an. Gleichzeitig erscheint auch eine neue Rödl-Gesellschaft am Horizont, die allerdings viele Fragen aufwirft.

Drei Fragen hab ich vorab schon mal:

  • Wie passt das alles berufsrechtlich zusammen?
  • Was haben sich die Super-Strategen (oder Trickser?) in Nürnberg ausgedacht? Und:
  • Ist die Anerkennung als WPG damit jetzt gelöst?

wpwatch ist bei seiner Recherche auf Erstaunliches gestoßen! 

25.05.2020
VW - Der faule Deal mit der Staatsanwaltschaft

Um es noch einmal vorweg zu sagen:

VW ist verantwortlich für den größten Industriebetrug der Nachkriegszeit, hat Millionen Kunden, die Öffentlichkeit und die Strafverfolgungsbehörden getäuscht und jahrelang getrickst.

Die Strafverfahren wegen möglicher Marktmanipulation im Zusammenhang mit der Dieselaffäre gegen den VW-Konzernchef Herbert Diess und den Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch werden gegen Zahlung von neun Millionen Euro eingestellt. Die Ermittler werfen beiden vor, dass sie nicht rechtzeitig über den Abgaskandal informiert haben. Ein Unternehmenssprecher teilte mit, dass der Aufsichtsrat die Einstellung des Verfahrens begrüße und betonte, dass die Einigung mit der Staatsanwaltschaft kein Schuldeingeständnis sei!

Worum geht es im Kern? - Während man hausintern bereits in einer Sitzung am 27.07.2015 die Dieselmanipulationen mit Vorstandsmitgliedern thematisiert habe, wurde der Skandal erst im September 2015 durch die amerikanischen Behörden der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Die Sache ist insofern auch aktienrechtlich von großer Bedeutung, da die Aktie nach Bekanntwerden abstürzte und sich die Frage stellt, ob die Anleger früher hätten informiert werden können / müssen. - Diese Sachverhalte sind durch Beschluss des OLG Celle jetzt auch Gegenstand einer von VW jahrelang verhinderten Sonderprüfung.

Klartext:

Der Konzern kauft seine beiden wichtigsten Manager aus den Ermittlungen rund um den Dieselskandal frei und bedient auf fatale Weise folgende Klischees:

  • Manager sind skrupellos und moralbefreit. Im Zweifel werden sie freigekauft!
  • Wer genügend Geld zahlen kann, kommt mit allem davon - sogar mit millionenfachem Betrug!
  • Von Läuterung, Demut oder konstruktiver Mithilfe bei der Aufklärung ist man mit einem solchen Deal meilenweit entfernt!

Natürlich will man die wichtigsten Manager des Konzerns nicht monatelang auf der Anklagebank muffiger Gerichtssääle in Braunschweig sehen. Und dies insbesondere nicht in schwierigen Zeiten. Gleichwohl ist es ein moralisches Desaster.

VW hat mit diesem Deal (wiederum) der Gesellschaft schweren Schaden zugefügt.

Die Dieselaffäre ist damit noch lange nicht ausgestanden!