Aktuelles

23.07.2020
Wirecard: Und jetzt noch schnell herrschende Meinung schreiben!

Seitdem die Staatsanwaltschaft München I davon ausgeht, dass bei Wirecard die Rechnungslegung bereits seit 2015 massiv gefälscht wurde und Umsätze, Ergebnisse und Treuhandguthaben aufgebläht wurden, wird es für den Shooting-Star der Branche, Ernst & Young (EY) zunehmend eng. Die Anlegeranwälte sind bereits in den Startlöchern und der ein oder andere Journalist mutmaßt, dass EY Deutschland diesen Bilanz- und Prüferskandal nicht überstehen wird. All dies erinnert irgendwie an den Fall Flowtex und die KPMG.

Obgleich sich die Politik, WPK und IDW irgendwie einig sind, dass zunächst die Ermittlungen abgewartet, keine Vorverurteilungen vorgenommen und Reform- sowie Regulierungsvorschläge warten sollten, fragt sich die Zunft doch gleich, wie man hier bereits jetzt EY zur Seite springen kann. Nicht nur die Presse wird entsprechend informiert, dass man EY eigentlich wegen der massiven Betrügereien keine großen Vorwürfe machen kann. Wohl rein zufällig erschien gestern wohl in DER BETRIEB (Nr. 29, 20.07.2020) ein Fachaufsatz von Prof. Dr. Kai-Uwe Marten (Uni Ulm):

  • "Die Prüfung von Treuhandkonten im Rahmen der Abschlussprüfung".

Bei der Lektüre des fast fünfseitigen Beitrags im Handelsblatt-Verlag beschleicht einen das Gefühl, dass hier - vom IDW lanciert - bereits zitierfähige "herrschende Meinung" verbreitet werden soll. Wer weiß, wofür es gut ist, dass man später einmal im Haftpflichtprozess einen "renommierten" Professor zitieren kann, der bestätigt, dass man EY keine Vorwürfe machen kann. Dies nennt man "herrschende Meinung auf Bestellung (on demand)". Und dies ist ethisch verwerflich!

Psst, nicht verraten, dass es hier um (verdeckte) Lobbyarbeit des Professors für eine eventuelle Haftung von EY im Falle Wirecard geht. Vielleicht bringt man sich hier aber auch bereits in Stellung, da in dem Haftpflichtprozess später doch entsprechende Gutachten beauftragt werden.

Wenn Sie bei wpwatch einmal den Suchbegriff "Prof. Marten" eingeben, erhalten Sie 71 Meldungen (!) und erfahren auch recht bald, warum der flankierende professorale Schutz für EY gerade von ihm kommt.

Oder erinnert Sie dies nicht auch an das 79-seitige Hommel-Gutachten, mit dem meine Klage gegen die WPK wegen Falschbilanzierung  abgewiesen wurde? - Und jeder wusste, dass dieses Gutachten auf Bestellung geschrieben wurde und höchst zweifelhaft war. - So ist das eben auch mit den Hochschulen, dem IDW und den Verbindungen zu den Big4! - Mein Vater sagte immer: "Eine Hand wäscht die andere!"

Man erinnere sich auch noch an die Zeit, als Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, noch Mitglied der Abschlussprüferaufsichtskommission (APAK) und in 2016 gar deren Vorsitzender war. Gemeinsam war er mit Ex-BFH-Präsident Dr. h.c. Wolfgang Spindler "ehrenamtlich" für die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) (§ 66a WPO a.F.) tätig und kassierte über Jahre hinweg hunderttausende Euro aus der vollen Kasse der WPK!

Wie geht es jetzt noch weiter mit dem flankierenden Schutz für EY und der Meinungsbildung? - Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein FAZ- Artikel von Georg Giersberg mit Bezug auf den "Experten" Prof. Marten und die Feststellung, dass EY eigentlich gar nicht soviel falsch gemacht haben kann.

Dann sind die Big4, die Presse und das Lobbyistenumfeld doch wieder in trauter Seligkeit vereint!

Zu befürchten ist jedoch, dass diese Lobbyarbeit zunehmend als "Bärendienst" entlarvt wird. Dass es solcher Kungeleien der fachlichen Eliten bedarf, zeigt doch nur, dass EY und der Lobbyverein IDW im Falle Wirecard doch einiges zu befürchten glauben!

13.07.2020
Wirecard: Wer redet eigentlich mit der Presse?

Der Bilanzskandal Wirecard zeigt nicht nur ein Systemversagen der deutschen Finanzaufsicht (BaFin, DPR), sondern lässt auch in der Presse erhebliche Kritik am Berufsstand der Wirtschaftsprüfer laut werden. Dies betrifft sowohl die wirtschafts- und ordnungspolitische Funktion des Berufsstandes, dessen Aufsicht sowie Vorhaltungen über Fehler bei der Prüfungsdurchführung durch EY.

Schaut man sich die täglichen Pressemeldungen und die immer wieder neuen Details zum Fall Wirecard genauer an, so stellt sich sehr schnell die Frage, wer sich aus dem Berufsstand - in wessen Auftrag oder Legitimation auch immer - gegenüber der Presse äußert:

  • Prof. h.c. Naumann, CEO des Lobbyvereins der Big4 IDW e.V., äußert sich am häufigsten. Ein seitenlanges Statement gegenüber den Vereinsmitgliedern und Interviews  in Presse, Funk & Fernsehen sind für ihn offensichtlich selbstverständlich. Man hat geradezu den Eindruck, dass sich hier der Pressesprecher des gesamten Berufsstands äußert, der in dieser Rolle auch legitimiert sei. 
  • Die Berufskammer WPK bringt es auf schlappe eineinhalb Seiten Pressemeldung und der Präsident verteilt lieber Maulkörbe an Vorstandsmitglieder. - Auch wenn diese - ebenso wie das IDW - einer Berufsvereinigung (wp.net) vorstehen.
  • Dann gibt es noch Geschäftsführer großer WPGs außerhalb der Big4 (Warth & Klein, Mazars), die (mit Einverständnis der Big4 und des IDW) Presseanfragen beantworten und sich in Interviews gegenüber der Presse bereitwillig - und auch kritisch - in der Causa Wirecard einlassen.

Insgesamt muss in der Presse und in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, als sei Prof. h.c. Naumann als Lobbyist der Big4 (und Chef-Theoretiker) der wichtigste Mann im Berufsstand. Hier kocht offensichtlich der Chef selbst und hier liegt die Meinungsführerschaft. Einen offiziellen Pressesprecher gibt es beim IDW nicht. Auch nicht bei der WPK. Dort wählt Präsident Ziegler nach langen Wochen des Schweigens wohldosiert - abgestimmt mit dem IDW - karge und nichtssagende Worte.

Es gilt: Nur nichts kritisches über EY oder die Big4 sagen. Schließlich hängen millionenschwere Mitgliedsbeiträge und Zuwendungen daran.

Während die WPK den Standpunkt vertritt: "Erst aufarbeiten, dann Maßnahmen diskutieren", steckt Prof. h.c. Naumann bereits halsüber in einer Wünsch-Dir-Was-Reform der Finanzaufsicht und gesetzlichen Ausweitung der Abschlussprüfung. Er macht als Lobbyist schon mal ungefragt tiefgreifende Vorschläge an den Gesetzgeber, als ginge es um seinen Job! In der FAZ ist von Georg Giersberg zu lesen:

  • Noch diese Woche wird das IDW ein Positionspapier verabschieden, das die Diskussion um Verbesserungen der Wirtschaftsprüfung und der Aufsicht anregen soll. Es geht um konkrete Vorschläge zu den Bereichen Unternehmensführung (Corporate Governance), Abschlussprüfung, Aufsicht (der Wirtschaftsprüfer) und um die Wahrnehmung und Verarbeitung von Unternehmensnachrichten durch den Kapitalmarkt.

Also noch einmal zum Mitdenken:

  • Alle Wirtschaftsprüfer/innen und Organmitglieder des Berufsstandes sollen die Klappe halten und die Einheit und Geschlossenheit des Berufsstandes nach außen demonstrieren.
  • Wir sollen alle erst einmal - auf dringende Empfehlung vom WPK und IDW - eine (jahrelange) Analyse und Aufarbeitung des Wirecard-Skandal abwarten und
  • der hochbezahlte Cheflobbyist der Big4 hat absolut freien Lauf, dem Gesetzgeber (BMWi) - wie auch schon bei vorherigen Gesetzesreformen - bereits jetzt die notwendigen Reformschritte ins Gebetbuch zu schreiben.

Man weiß noch nichts, produziert aber die passende Reform binnen weniger Tagen, um die Politik in die richtige Richtung zu lenken und das milliardenschwere (gescheiterte) Geschäftsmodell der Big4 zu retten.

Eine Frage hab ich noch:

Wie lange lässt der Berufsstand sich solche Verdummung und Bevormundung noch gefallen? Wer gibt Prof. h.c. Naumann die Legitimation, als die (einzige) Stimme des Berufsstandes aufzutreten? Hat das IDW trotz Corona-Pandemie und unzulänglicher Transformation der ISA nichts wichtigeres zu tun?

Und die WPK schaut gebannt zu.

13.07.2020
Der Berufsstand sei gewarnt

Der Berufsstand sei ausdrücklich gewarnt, jetzt die Nummer mit dem "weltweiten Betrug" weiter zu hypen, um dadurch von seinen prüfungstechnischen - und prüfungsmethodischen - Fehlern abzulenken. Man kann es auch noch so oft in der Presse wiederholen, es wird dadurch nicht wahrer. Jeder "Experte", der etwas vom Wirtschaftlichen Prüfungswesen versteht, weiß (schon jetzt!), dass die bei Wirecard durchgeführten Abschlussprüfungen der Jahre 2015 bis 2018 offensichtlich nicht den gesetzlichen Anforderungen und fachlichen Standards entsprochen haben und die uneingeschränkten Testate so nicht hätten erteilt werden dürfen.

Diese Aussage kann aufgrund der bereits vorliegenden Fakten heute schon - auch öffentlich - geäußert werden.

EY kann sich hier nicht aus der Verantwortung ziehen und die Aufmerksamkeit nur auf eine mediengeile Aufarbeitung spektakulärer Betrügereien, weltweiter Verfolgungsjagden, ominöser Mitwirkung von Geheimdiensten und untergetauchter Treuhänder lenken.

Die Big4 haben in der Vergangenheit zu oft die Verschwiegenheits-Karte gespielt: Wir arbeiten alles verantwortungsvoll auf, dürfen jedoch wegen der berufsmäßigen Verschwiegenheit nicht darüber berichten. Und so wird auch niemand erfahren, was bei uns schiefgelaufen ist und was wir daraus für Lehren gezogen haben. - Diese Nummer glaubt bald keiner mehr!

Fehler einzugestehen bedeutet keinen Gesichtsverlust. Auch nicht für Wirtschaftsprüfer! Sie werden eher glaubwürdiger und müssen die Lehren, die sie aus Fehlverhalten gezogen haben, nur besser kommunizieren.

Wie heißt es doch: Jeder kehre erst einmal vor der eigenen Türe!

13.07.2020
Wirecard: Richtigstellung zur Rolle der APAS

Die Geschäftsführung der WPK hat mich gebeten, meine wpwatch-Meldung vom 09.07.2020:

  • "Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer"  

zu korrigieren.

Richtig ist: Da es sich bei Wirecard um ein DAX-Mandat handelt, d.h. ein sog. § 319a HGB-Mandat vorliegt, entscheidet allein die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) über die Einleitung berufsgerichtlicher Maßnahmen gegen die verantwortlichen EY-Kollegen und nicht - wie berichtet - die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) bei der WPK.

Sorry, hätte nicht passieren dürfen.

Da sich die APAS fast ausschließlich aus Ex-Big4-Mitarbeitern rekrutiert (Alumni-Netzwerk und gleiche Pensionskasse), fällt es nicht schwer, einen Tipp betreffs berufsgerichtlicher Verfolgung der EY-Kollegen zu geben.

10.07.2020
WPK und der Fall Wirecard - Alle derselben Meinung?

Man muss dem Kammerpräsidenten der WPK, Kollegen Gerhard Ziegler, wohl ein wenig Nachhilfe i.S. Berufspolitik geben. Da wählt der Berufsstand alle vier Jahre per Listenwahl seine Vertreter in den Beirat der WPK, aus dem dann die Vorstandsmitglieder der WPK und das Präsidium rekrutiert werden. Nachdem es die Big4 in der letzten Legislaturperiode geschafft hatten, die Opposition (wp.net) unter Vorsitz des heutigen Präsidenten mundtot zu machen und von der Berufsarbeit auszuschließen, errang wp.net bei der Wahl 2018 mit 47% aller Stimmen das beste Ergebnis aller Listen.

Gleichwohl musste man in die Opposition, da die restlichen Listen - insbesondere Big4 und IDW - gegen wp.net koalierten. Widerwillig wurde wp.net bei der Vorstands- und Ausschussarbeit beteiligt - die Mehrheit haben nach wie vor die koalierenden Listen der Big4 und des IDW.

In diese vortäuschende Harmonie in den Gremien und im Berufsstand kracht jetzt der Bilanzskandal Wirecard. Wochenlanges Stillschweigen von IDW e.V. und der WPK, obwohl die Medien weltweit täglich im Stundentakt berichten, zeugen nicht von einem professionellen Krisenmanagement.

Jetzt brennt in Berlin und Düsseldorf lichterloh der Baum und die Nerven liegen blank!

In dieser Situation sind die Big4 und die Gremien der WPK und des IDW im gegenseitigen Kontroll-Wahn, denn schließlich steht die Reputation der milliardenschweren WP-Branche auf dem Spiel:

  • EY-Mitarbeiter erhalten Weisungen, was sie zu sagen haben, wenn sie von Mandanten angesprochen werden,
  • IDW und WPK stimmen offensichtlich ihre Strategie und Statements miteinander ab und
  • der WPK-Präsident verteilt schon mal Maulkörbe für Vorstandsmitglieder der Opposition.

Lesen Sie doch einmal den Präsidenten-Maulkorb im (redaktionell bearbeiteten) Original:

"Sehr geehrte.....",

mit Interesse, aber auch mit großer Verärgerung habe ich Ihr Interview ... gelesen.

Wider besseren Wissens klagen Sie Verfehlungen von EY sowie unserer gesamten Berufsaufsicht an.

Sie klagen Missstände an, die ich so nicht kenne und ich denke, dass Sie keinen tiefergehenden Kenntnisstand haben.

Ich glaube, es ist völlig unangebracht, derzeit Schuldanweisungen auf Grundlage von nicht belegten Vermutungen zu machen.

Viel wichtiger ist es nach meiner Ansicht, dass der Berufsstand einheitlich nach außen auftritt. Nichts ist derzeit schädlicher, als destruktive Kritik zu üben. Im Interesse unseres gesamten Berufsstands darf ich Sie nochmals bitten, solche Interviews zu unterlassen. Wenn wir wissen, wo Fehler gemacht wurden, sind wir gerne bereit, an der Aufarbeitung mitzuwirken und unseren Berufsstand weiter zu entwickeln.

Grundsätzlich alles schlecht zu reden, aber keine konkreten Vorschläge zur Besserung vorzubringen, halte ich für einen schlechten Stil.

Ich möchte nochmals wiederholen, dass mir an einem einheitlichen Auftreten der Kammer und an einer vertrauensvollen Zusammenarbeit im Vorstand sehr gelegen ist.

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Ziegler"

Um es deutlicher zu sagen:

Der selbstgefällige Präsident der WPK hat Vorstandsmitgliedern der berufspolitischen Opposition keinen Maulkorb zu geben! - Bundeskanzlerin Merkel verhängt auch keinen Maulkorb, selbst wenn sie i.S. Umgang mit dem Corona-Virus anderer Meinung ist!

Dies ist kein präsidiales Verhalten! Ziegler hat in der letzten Legislaturperiode schon bewiesen, dass er von demokratischen Spielregeln nichts hält und jedwede Opposition mundtot machen will.

Der Präsident sollte sich für diese (abermalige) Entgleisung entschuldigen!

   
   

09.07.2020
Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer

Da reibt man sich schon die Augen: Ein seit 9 Jahren von EY uneingeschränkt testiertes Geschäftsmodell von Wirecard mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Mrd. € fällt innerhalb weniger Wochen wie ein Kartenhaus zusammen und löst sich in Schall und Rauch auf. - Systemversagen der Finanzaufsicht sagen die einen, Unfähigkeit der Wirtschaftsprüfer sagen die anderen.

Alle stehen unter Schock und spielen ihre Rolle:

  • Politiker verlangen eine Neuordnung der Finanzaufsicht (BaFin, DPR) und schärfere gesetzliche Vorschriften,
  • IDW e.V. und Lobbyisten des Berufsstandes sprechen von nicht prüfbarer krimineller Energie der Betrüger und
  • Anlegeranwälte sammeln Mandate und hoffen auf millionenschweren Schadensersatz.

Hierzu ist zunächst einmal festzustellen, dass EY gemäß §§ 823 II BGB, 332 HGB auch Dritten gegenüber haftet. Gemäß § 323 II HGB (und den AAB des IDW e.V.) ist die Haftung jedoch auf vier Mio. € begrenzt. Eine höhere Haftung kann dispositiv mit dem Mandanten vereinbart werden, ist jedoch die Ausnahme. Lediglich dann, wenn man EY im Klagewege Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit (bedingten Vorsatz) nachweisen kann, gilt die gesetzliche Haftungsbegrenzung nicht mehr. Dies erfuhr bspw. KPMG seinerzeit im Bilanzskandal Flowtex, wo man letztlich an die geschädigten Banken 100 Mio. DM Schadensersatz zahlen musste, die durch die Wiesbadener Versicherungsstelle gezahlt wurden. Derartige Prozesse ziehen sich über Jahre hin, sofern man nicht einen "Deal" mithilfe der Vermögenschaden-Haftpflichtversicherung macht - um aus den Medien heraus zu kommen. 

Verfahren gegen die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer werden hierbei in der Regel abgetrennt bzw. gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt. Dies erfuhren die beiden verantwortlichen EY-Kollegen im Zusammenhang mit der Schlecker-Insolvenz. Deren Verfahren auf Zahlung von Schadenersatz wurden gegen Zahlung von (nur) 40 T€ bzw. 20 T€ eingestellt.

Berufsaufsichtsrechtlich und berufsgerichtlich wird gemäß §§ 67 ff. WPO lediglich das "Fehlverhalten" von natürlichen Personen im Berufsstand sanktioniert, d.h. dass EY von der WPK bzw. im Wege der Berufsgerichtsbarkeit (§§ 71a ff. WPO) nichts zu befürchten hat. Ob ein berufsgerichtliches Verfahren gegen EY eingeleitet wird, entscheidet die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) der WPK mit Mehrheit. Da es sich bei Wirecard jedoch um ein PIE-Mandat (§ 319a HGB) handelt, obliegt der Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) die letztinstanzliche Fachaufsicht. Auch hier dürfte EY nicht viel zu befürchten haben, da sich die APAS fast ausschließlich aus ehemaligen Big4-Mitarbeitern rekrutiert.

Halten wir also fest:

  • Die Haftung von EY im Falle Wirecard ist auf (lächerliche) 4 Mio.€ begrenzt.
  • Mehr Schadensersatz gibt es nur (von der Versicherung), wenn man EY nachweisen kann, dass dort grob fahrlässig geprüft wurde (mühsam, aber wohl nicht ganz aussichtslos).
  • Die "A-Karte" im Spiel haben die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer Budde, Dahmen, Treitz, Worthmann und Loetscher.

EY, IDW e.V., WPK und die gesamte WP-Branche hoffen jetzt wohl auf eine medienwirksame Inszenierung des weltweiten Betrugsfalles Wirecard mit weltweiter Suche nach untergetauchten Verantwortlichen, Aufdeckung verschwundener Milliarden und spektakulären Details. Dies lenkt so schön vom Fehlverhalten oder schlampigen Prüfen der Big4 ab. Von deren Mitverantwortung und den Sanktionen wird im Zweifel die Öffentlichkeit nichts erfahren.

Der Bilanzskandal Wirecard sollte für alle Beteiligten Anlass sein, sich der Realität zu stellen, eine ehrliche Diskussion zu führen und den Berufsstand neu auszurichten. Ansonsten ist die "Selbstverwaltung" des freien Berufs in Gefahr. - Jeder muss jetzt den Knall gehört haben!

09.07.2020
Prof. Marten: Hurra! - bald dürfen wir in die Wirecard-Prüfungsberichte schauen!

Nachdem das IDW und die WPK im Falle Wirecard aus ihrer Schockstarre erwacht sind und erste Stellungnahmen abgegeben haben, melden sich auch erste professorale "Experten" in der Sache zu Wort. Allen voran Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, Uni Ulm. Übrigens eine jener Unis, die in dem gefakten Ranking des manager magazins unter die "TOP-Adressen für Wirtschaftsprüfer" kam (vgl. mein Newsletter Nr. 82).

"Experte" Prof. Marten (58) macht im manager magazin den Wirecard-Gläubigern "Hoffnung", da diese gemäß § 321a HGB nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens unter bestimmten Voraussetzungen die EY-Prüfungsberichte 2016-2018 einsehen dürfen. Sollten Betroffene Einsicht in die Berichte fordern, so Experte Marten, würde es "spannend".

  • "Dann kann man sehen, was die Wirtschaftsprüfer im Fall Wirecard gemacht haben, ob es Verdachtsfälle gab und wenn ja, wie sie dem nachgegangen sind."

Bei dieser Aussage fragt man sich tatsächlich,

  • ob Experte Marten weiß, was in einem Prüfungsbericht berufsüblich drin steht (IDW PS 450 n.F.)?
  • Weiterhin wird man sich kaum vorstellen können, was in den abschließenden EY-Prüfungsberichten noch drinsteht, wenn die "Bande von Aschheim" das Leseexemplar bearbeitet hat!?
  • Wie will man denn seitens EY in der Vergangenheit "uneingeschränkt" testiert haben, wenn man im Prüfungsbericht bedeutende "Verdachtsfälle" aufgelistet sehen und erfahren würde, wie EY damit umgegangen ist!?

Experte Marten nimmt in seinem Pressestatement offensiv EY in Schutz und erläutert der erstaunten Öffentlichkeit:

  • Es ist ein großer Unterschied, ob man eine normale gesetzliche Abschlussprüfung durchführt oder gezielt nach Betrug sucht. EY habe lediglich den Auftrag gehabt zu prüfen, ob der Wirecard-Abschluss mit den gesetzlichen Bestimmungen und den IFRS  übereinstimme. Unterschied: An einer Sonderprüfung, wie KPMG sie dann durchgeführt habe, seien - so erfährt man vom Experten - beispielsweise "ehemalige Kriminalkommissare" beteiligt.

Gemäß gesetzlichem Auftrag (§ 317 I 3 HGB) war es die Aufgabe von EY die Prüfung von Wirecard so anzulegen,

  • "dass Unrichtigkeiten und Verstöße ... bei gewissenhafter Berufsausübung erkannt werden."

Aber vielleicht versucht es Experte Marten einmal mit den berufsständischen Verlautbarungen des Lobbyvereins der Big4, dem IDW e.V.:

Nach IDW PS 302 n.F. (Tz. 20 und A25f.) hätte EY bei einem Volumen von 1,9 Mrd.€ zwingend Bankbestätigungen mit einem vorgeschriebenen Mindestinhalt einholen müssen (Tz. 21 und A27 ff.). Anforderung zur Einholung von Dritt- bzw. Bankbestätigungen ist in jedem Falle, dass der Abschlussprüfer "(jederzeit) die Kontrolle über das Bestätigungsverfahren bewahren muss." (vgl. IDW PS 302 n.F., Tz. 8 und A10) und sich nicht mit Screenshots, Kopien oder anderen Taschenspielertricks abspeisen lässt.

Um zu diesen Erkenntnissen zu kommen, muss man übrigens kein "Experte" sein. Die eigenverantwortliche und nicht manipulierbare Einholung von Bestätigungen Dritter gehört im WP-Examen zum Einstiegsthema "Wirtschaftsprüfung for beginners"!

Der Berufsstand und die Öffentlichkeit haben für solche Experten-Statements kein Verständnis. Dies sieht wohl eher nach Lobbyarbeit aus!

06.07.2020
PwC kauft sich eine halbe Uni

Über die ausufernde Marktmacht der Big4 und deren weltweites System der Intransparenz habe ich bei wpwatch schon des öfteren geschrieben. Die massive Einflussnahme der Big4-Lobbyisten auf Gesetzgebungsverfahren und deren tägliche Omnipräsenz durch gefakte "Studien on demand" sowie vorgespielte Besserwisserei nerven schon gewaltig.

Dass die Big4 auch wie Kraken in Wissenschaft und Forschung agieren, ist allseits bekannt. Stiftungslehrstühle, Promotionsfabriken und die Vervollständigung der Titelsammlungen der "Big4-Führungs-Elite" gehören ebenso zum Tagesgeschäft wie agressives Personalrecruiting bei den Studierenden. 

Unter dem Motto: "Wehret den Anfängen!" sowie dem Ethos "Freiheit und Unabhängigkeit der Lehre" beobachte ich eine weitere Stufe des Eingriffs in Grundwerte unserer Gesellschaft. In einer Pressemeldung heißt es:

  • Digitaler geht nicht: PwC und DBU setzen auf praxisnahe Lerninhalte in Sachen Digitalkompetenz. Die Digital Business University of Applied Sciences (DBU), Berlin, sekundiert als Hochschule: „Gemeinsam mit neuem Investor: DBU baut mit PwC die digitalen Bildungsangebote der Zukunft aus.“

Beiden geht es also um Digitalkompetenz. Das Vehikel dafür ist der Erwerb von 49,9 Prozent der Geschäftsanteile der DBU durch PwC. DBU ist eine in 2018 gegründete Wirtschaftshochschule, die ihre Studienangebote konsequent auf die digitalisierte Wirtschafts- und Arbeitswelt ausrichtet.

Die Hochschule bietet aktuell verschiedene Bachelor-Studiengänge an, zum Beispiel

  • Digital Business Management,
  • Digital Marketing & Communication Management und 
  • Data Science & Business Analytics.

Durch PwC soll nun spezielle Expertise in den Bereichen

  • Cyber Security,
  • Digital Ethics und
  • Finance Transformation hinzukommen.

Die DBU möchte nach Eigenangaben die Expertise der Berater nutzen, um die Lerninhalte besser auf die Bedürfnisse zukünftiger Arbeitgeber der Studierenden auszurichten. PwC selber sagt, dass von den Weiterbildungsangeboten der DBU auch die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren werden. Ihnen sollen sogenannte Microlearnings zur Verfügung stehen, also kleinere Lernhappen, für die eine Berufstätigkeit nicht längerfristig unterbrochen werden muss. Außerdem möchte PwC an der DBU die „digitalen Pioniere von morgen ausbilden“.

Das eine Hochschule Investoren sucht, ist nicht verwunderlich, da der Markt der privaten Wirtschaftshochschulen in den vergangenen Jahren stark gewachsen und hart umkämpft ist. Interessant ist die Beteiligung aber, da sie in dieser Konstellation ein Novum darstellt und sich verschiedene Fragen zur Motivation aufdrängen:

  • Braucht die Hochschule PwC tatsächlich als verlängerten Marktforschungsarm, um zu erkennen, welche Skills benötigt und nachgefragt werden?
  • Sieht der Beratungs- und Prüfungsriese die DBU als lohnendes (Finanz-) Investitionsobjekt?
  • Ist PwC vielleicht ein versteckter Vertriebsarm, um an neue Studierendengruppen, die sich aus den PwC-Kunden rekrutieren, herantreten zu können?
  • Dient die Hochschule als Nebentätigkeitsspielplatz (oder gar Ruhesitz) für erfahrene und verdiente Seniorberater und Partner?
  • Steigt PwC selber in den tertiären Ausbildungsmarkt ein, um den Eigen- oder gar Fremdbedarf an Berufseinsteigern zu decken?
  • Probiert die Beratung neue Wege aus, um die circa 12.000 Mitarbeiter/innen inhaltlich passgenau und dabei orts- und zeitunabhängig fortbilden zu können?

Übrigens: PwC beriet sich bei diesem Deal selbst. Due Dilligence und Vertragsgestaltung erfolgten von PwC-Legal AG für die WPG.

Offensichtlich haben wir damit eine neue Stufe der Einflussnahme der Big4 im Hochschul- und Bildungsbereich erreicht: Man begnügt sich nicht mehr mit Lehraufträgen oder Stiftungsprofessuren, sondern kauft gleich den halben Laden, um letztlich mit der wirtschaftlichen Potenz den Hochschulbetrieb nach Belieben bestimmen zu können.

03.07.2020
Wirecard: Das Systemversagen und der alte Zopf mit der Verschwiegenheit

Der Fall Wirecard hat in der unrühmlichen Reihe deutscher Bilanzskandale die Qualität eines Erdbebens. Experten sprechen mittlerweile von einem kollektiven Aufsichtsversagen von BaFin, DRP und Wirtschaftsprüfern. Das Vertrauen in die Finanzberichterstattung ist (mal wieder) dahin!

Während sich die deutsche Bilanzpolizei (DPR) und die BaFin auf ihren Websites aktuell mit Nicht-Zuständigkeit zu rechtfertigen suchen, verschanzt man sich im Berufsstand hinter der berufsmäßigen Verschwiegenheit (§§ 17, 43 I WPO).

Die DPR lässt in einer Pressemitteilung vom 01.07.2020 wissen

  • „dass im Fall Wirecard zu keinem Zeitpunkt Mängel im Prüfablauf vorlagen und die Prüfung jederzeit streng nach den Vorgaben des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) und des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) erfolgt ist. Auch die Kommunikation mit der BaFin hat im üblichen Maß und in der etablierten Frequenz stattgefunden“. 

Von 4-Augen-Prinzip und Funktionstrennung bei der Prüfung scheint man bei der DPR bisher wohl noch nichts gehört zu haben, da man mit der Wirecard-Prüfung nur einen Mitarbeiter beauftragt habe...

Auch die Verteidigungsstrategie der BaFin konzentriert sich nun offenbar auf eine Nichtzuständigkeitsdebatte. Nachdem deren Chef Felix Hufeld am 23.6.2020 im Rahmen einer Tagung hinsichtlich Wirecard von einer

  • „Schande“ für Deutschland (vgl. FAZ vom 23.6.2020, S. 15) gesprochen hatte, ging es in einer Anhörung nur eine Woche später um technisch anmutende Zuständigkeitsaspekte dahingehend, ob die Wirecard AG als Finanzholding anzusehen ist oder nicht.

Im Auge des Sturms ist mittlerweile auch EY:

Beispielsweise schätzte der Prozessfinanzierer FORIS AG die Lage laut Mitteilung vom 2.7.2020 wie folgt ein:

  • „Da EY die Wirecard-Bilanzen bereits seit 2009 durchgehend geprüft – und bestätigt – hat, stehen nun die Wirtschaftsprüfer selbst im Rampenlicht, wenn es um die Durchsetzung der milliardenhohen Schadenersatzforderungen geschädigter Anleger geht.“ 

Von den EY-Prüfern selbst, vom ansonsten so redseligen Big4-Lobbyverein IDW e.V.. und der Berufs(aufsichts)kammer WPK ist NICHTS zu hören - Schweigen im Walde. Versuche von EY, das Systemversagen zu relativieren und zu erklären, dass man selbst betrogen worden sei, helfen hier überhaupt nicht weiter.

Erinnert man sich doch noch an die vollmundigen Worte des EY-Deutschland-Chef Hubert Barth

  • „Wir haben uns sehr früh mit der Digitalisierung in der Wirtschaftsprüfung auseinandergesetzt und tätigen seit Jahren große Investitionen in Know-how und neue Technologien. Dazu gehören unsere weltweite digitale Prüfungsplattform Canvas und Tools zur Datenanalyse sowie zur automatisierten Unterstützung der Prüfungsdurchführung. Wir nehmen heute eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung der Abschlussprüfung ein. Die digitale Abschlussprüfung von EY bietet Sicherheit, Zuverlässigkeit und neue Einblicke in das Finanzwesen und die Prozesslandschaft von Unternehmen.“

Fraglich ist jedoch, inwieweit "kritische Grundhaltung" und "gesunder Menschenverstand" durch Aufrüstung digitaler Prüfungstools ersetzt werden können.

Mein Tipp wäre jedoch noch ein anderer:

Vielleicht sollten Gesetzgeber und Berufsstand überlegen, die "Verschwiegenheit" (des ach so elitären Berufsstandes) zur Disposition zu stellen. Wie kann der Berufsstand für sich in Anspruch nehmen, dass er eine "systemrelevante Funktion in der Wirtschaftsordnung" hat und sich gleichzeitig im Zeitalter der Transparenz systematisch verweigern. Dies dient nicht der Glaubwürdigkeit und lässt eher vermuten, dass man - wie in der Vergangenheit - eher auf ein "Vergessen" hofft.

So ist es:

Nachrichten über die prozessuale Aufarbeitung von Bilanzskandalen sind ohnehin in deutschen Medien rar gesät und werden - wenn überhaupt - Jahre auf sich warten lassen.

02.07.2020
Rankings in der WP-Branche: Das schlug ein, wie eine Bombe!

Die Reaktionen aus dem Berufsstand über den im gestrigen Newsletter (Nr. 82 (1) ) veröffentlichten "Erfahrungsbericht" eines Kollegen zur  Erlangung eines Ranking-Platzes im manager magazin schlugen ein wie eine Bombe. Sie reichten vom schallenden Gelächter bis hin zur Schockstarre. 

Meine Berichterstattung über "wissenschaftliche Studien" und Rankings im Berufsstand (Newsletter Nr. 80 und 81) hatte eine erhebliche Resonanz ausgelöst. Mehrere Kollegen/innen nahmen unsere Berichterstattung zum Anlass und "outeten" sich, dass sie in Vorjahren an solch teuren "Theaterveranstaltungen" der Presse teilgenommen hatten.

Hinsichtlich der von den Medien angewandten Methode unterscheiden sich die diversen Rankings bei manager magazin, FOKUS, WiWo und  brandeins kaum. Die Vorgehensweise der Verlage und somit auch die Motive der "Studienteilnehmer" sind offensichtlich.

Falls Sie den Newsletter nicht bekommen haben: Hier ist noch mal der Link zum "Erfahrungsbericht".

Fazit:

So etwas macht man nicht! Kaufen Sie sich nicht Ihren Lorbeerkranz durch Anzeigenhonorare bei einem Verlag und täuschen damit die Öffentlichkeit. Glänzen Sie nicht durch unglaubwürdige Rankings, sondern lieber durch qualifizierte fachliche Expertise! Profitieren Sie von der kostenlosen Mund-zu-Mund-Propaganda zufriedener Mandanten!