Aktuelles

07.09.2020
Wirecard - KPMG als lachender Dritter?

Das Wirecard-Desaster trifft die Reputation des gesamten Berufsstandes. Durch die skandalöse Prüfung von EY wurde viel Vertrauen verspielt.

EY sieht sich einer gewaltigen Klagewelle gegenüber, die den "Shooting-Star der letzten Jahre" unter den Big4 noch jahrelang beschäftigen wird - Ausgang offen!

Zur Zeit herrscht blanker Aktionismus:

  • Bundesjustizministerin Lambrecht (SPD, BMJV) kündigte noch für September 2020 einen "Gesetzesentwurf" an,
  • Finanzminister Olaf Scholz (SPD, BMF) drängt auf Eile, bevor der "Änderungsdruck" nachlässt - er möchte nächstes Jahr Bundeskanzler werden und
  • das BMWi (Peter Altmeier, CDU) sieht die Hauptverantwortung bei der Finanzaufsicht, kündigt jedoch auch schon mal vorsorglich strengere gesetzliche Vorschriften zur Prüferaufsicht an.
  • Das IDW verteilt schon mal fertige Reformpakete (Positionspapiere) und glaubt (immer noch) daran, dass man der einzig relevante Gesprächspartner aus dem Berufsstand sei. Die Lobbyisten laufen sich schon mal die Hacken wund und versuchen, Schlimmeres für das Geschäftsmodell der Big4 zu verhindern.

Die Fondstochter der Deutsche Bank AG (DWS) hat sich bereits - wie auch die Commerzbank AG - gegen EY als künftigen Abschlussprüfer entschieden. Aus gut informierten Kreisen hört man, dass nicht nur das DWS-Mandat, sondern auch das Commerzbank-Prüfungsmandat an KPMG gehen.

So ist dies eben:

Bei nur 4 Branchenplayern im WP-Oligopol ist die Auswahl begrenzt. KPMG, bisher größter Verlierer der gesetzlich festgeschriebenen externen Prüferrotation, ist (momentan) der Lachende Dritte.

Zu hoffen bleibt nur, dass man beim Ringtausch der Mandate unter den Big4 nicht vom Regen in die Traufe kommt.

03.09.2020
Commerzbank wechselt wegen Wirecard den Abschlussprüfer

In seiner gestrigen Sitzung hat der Aufsichtsrat der Commerzbank AG beschlossen, der Hauptversammlung 2021 einen Wechsel des bisherigen Abschlussprüfers EY für das Geschäftsjahr 2022 vorzuschlagen. EY hatte erst 2018 PwC bei der Commerzbank als Prüfer abgelöst. 

Der Wechsel wurde vorsorglich beschlossen, um mögliche Interessenskonflikte zu vermeiden. Die Commerzbank erwägt, wegen des Wirecard-Skandals Klage gegen EY einzureichen, da man einen Kredit an Wirecard in Höhe von 175 Mio. € abschreiben muss und EY hier in der Haftung sieht.

Auch andere Großbanken haben wegen der Wirecard-Pleite erhöhten Abschreibungsbedarf:

  • LBBW schreibt 160 Mio. € ab. Abschlussprüfer ist Deloitte
  • ING muss 200 Mio. € abschreiben. Prüfer ist hier KPMG.

Ob dies das Ende der Mandatsverluste für EY wegen des Wirecard-Bilanzskandals ist, bleibt offen. In der Politik wird auch über DAX30-Mandate wie VW und Telekom spekuliert, da dort der Bund erheblichen Anteilsbesitz hat.

02.09.2020
EY bekommt bereits den Vertrauensverlust zu spüren

Der Wirecard-Skandal zeigt erste Auswirkungen bei der weiteren Mandatierung von EY als Abschlussprüfer:

  • Der Aufsichtsrat der Deutsche-Bank-Tochter DWS hat sich gegen einen Wechsel seines Prüfungsmandats von KPMG zu EY entschieden. 
  • Die Deutsche Bank will hingegen an EY als Abschlussprüfer festhalten.
  • Der Aufsichtsrat der Commerzbank AG wird sich am heutigen Tage mit der Frage beschäftigen, ob man der HV 2021 einen Wechsel des derzeitigen Abschlussprüfers EY vorschlagen wird.

Die Gründe hierfür sind nachvollziehbar,

  • zählte DWS doch zeitweise zu den größten Wirecard-Aktionären und hatte viel Geld ihrer Anleger bei dem Aschheimer Betrugsunternehmen investiert. Außerdem überlegt DWS rechtliche Schritte gegen Wirecard, andere Personen und ggfs. auch gegen EY.
  • Die Commerzbank AG musste wegen der Wirecard-Pleite einen ausgereichten Kredit in Höhe von 175 Mio. € abschreiben und überlegt ebenfalls rechtliche Schritte.
  • Die Deutsche Bank AG wählte EY bereits im Mai 2020 zum Abschlussprüfer für das Geschäftsjahr 2020.

01.09.2020
EY bereitet sich auf eine Prozesslawine vor

Nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens in der letzten Woche und Bestellung von Dr. Michael Jaffé zum Insolvenzverwalter von Wirecard formieren sich nun die Fronten. 

EY musste zuletzt viel Kritik einstecken, hatte man doch als langjähriger Abschlussprüfer die millionenschweren Luftbuchungen nicht bemerkt.

Schwerwiegende Schadenersatzklagen von Investoren und Fremdkapitalgebern werden ebenso wie Klagen von Anlegeranwälten massiv auf EY zurollen. Der Schaden der kreditgebenden Banken und Investoren wird mittlerweile vom Insolvenzverwalter auf 3,2 Milliarden € beziffert.

Wie das Fachmagazin JUVE mitteilte, hat EY jetzt sein Verteidigerteam vorgestellt:

  • Wirsing Hass Zoller (München): Dr. Michael Zoller; Associates: Yvonne Green, Frank Wegmann (alle Bank- und Kapitalmarktrecht)
  • Knierim & Kollegen (Mainz): Thomas Knierim, Dr. Christian Rathgeber, Dr. Manuel Lorenz, Dr. Anna Oehmichen, Simone Breit (alle Wirtschaftsstrafrecht) - berufsrechtliche Vertretung - und
  • Allen & Overy: Dr. Marc Zimmerling (Konfliktlösung; Frankfurt), Dr. Astrid Krüger (Corporate; München)

EY sieht sich bereits jetzt konfrontiert mit einigen Klagen von Kapitalanleger-Anwälten, die da wären:

  • Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan (München/Stuttgart),
  • TILP Rechtsanwaltsgesellschaft mbH (Kirchentellinsfurt) und
  • Dr. Greger & Collegen (Regensburg)  

Die Klagewelle wird über Jahre hinaus die Gerichte und Anwälte übermäßig beschäftigen. Ob es hier - wie seinerzeit im Falle Flowtex, letztlich zu einem "Deal" mit EY bzw. dessen Vermögensschaden-Haftpflichtversicherer, der Wiesbadener Versicherungsstelle, und den Gläubigern kommen wird, bleibt offen.

Offen bleibt ebenso die Frage, ob EY im Falle des Unterliegens jemals für einen solchen Gesamtschaden aufkommen könnte. Wie ein solcher Schaden auf das weltweite EY-Netzwerk durchschlagen könnte, ist wegen der gewollten Intransparenz der Netzwerke der Big4 offen.

Politisch gilt: To big to fail!

Die Lobbyisten laufen bereits zur Höchstform auf.

07.08.2020
Wirecard-"Erwartungslücke"? - Wiedergeburt eines Klassikers

Zunächst schrieb Prof. Marten (auf Bestellung) in der Causa Wirecard den EY-Rechtfertigungs-Aufsatz über die Prüfung von Treuhandkonten in DER BETRIEB (Nr. 29 vom 20.07.2020, S. 1465 ff.). Jetzt darf Prof. Quick mit seinen beiden spanischen Kollegen nachlegen und in der WPg 15.2020 (S. 867 ff.) ausführlich über die Erwartungslücke sinnieren.

Prof. Marten springt EY zur Seite und stellt kurzum fest, dass man eigentlich dort nicht viel falsch gemacht hat, und verkennt dabei die einfachen handwerklichen Fehler einer weltweit vernetzten Big4-Gesellschaft, die offensichtlich bereits seit Jahren von dem kometenhaften Aufstieg der Gelddruckmaschine Wirecard berauscht und geblendet war. Da ist man doch einfach stolz auf solche Mandanten, die man seit 11 Jahren beraten und testiert hatte und die wie eine Rakete zum Milliarden-Highlight avancieren. Man war gar ein Teil des Erfolges.

- Jetzt hören Sie doch auf mit Ihrer vergeigten Einholung von Bankbestätigungen - dem kleinen Einmaleins des Wirtschaftlichen Prüfungswesens. Wir waren doch bereits auf dem Weg zu den Sternen!

Offensichtlich auf Bestellung des Lobbyvereins IDW e.V. ist jetzt Prof. Quick gefragt, der mit dem spanischen Duo Toledano in der Hauszeitschrift WPg ("Kompetenz schafft Vertrauen") einen Klassiker aus der Klamottenkiste rausholt und neu aufführt. Es gilt hier mit allen Möglichkeiten wissenschaftlichen Arbeitens die Frage zu beantworten:

  • Erfüllen Abschlussprüfer die Erwartungen der Öffentlichkeit?

Ich kenne mich und weiß, dass ich mich weigern werde, diesen 7-seitigen "Fachaufsatz" zu lesen! Warum auch? Diese Thematik hat bereits einen so langen Bart, beschäftigt uns schon seit 30 Jahren und kommt immer wieder zum gleichen Ergebnis:

  • Die Öffentlichkeit erwartet von Wirtschaftsprüfern einfach zuviel!
  • Das kann der Berufsstand nicht leisten!
  • Und damit ist die "Erwartungslücke" wieder erklärt und bestätigt!
  • Und es wird immer so bleiben!

Wie wäre es denn mal mit folgenden Erklärungsversuchen:

  • Das IDW und die Big4 geben sich gerne den Schein der Allwissenheit,
  • sind lt. ihrer Werbung mit den teuersten und besten Analyseprogrammen unterwegs,
  • vergessen manchmal, dass hier tatsächlich noch Menschen im Prüfungsprozess unterwegs sind und
  • haben - geblendet vom faszinierenden Geschäftsmodell des Mandanten -  "ihre Prüfernase" ausgeschaltet.

Soll heißen: Wenn Wirtschaftsprüfer zuviel versprechen und sich medial als fachlich unfehlbar geben, muss die Folge sein, dass sich im Bilanzskandal und bei Systemversagen eine eklatante Erwartungslücke offenbart!

Hat also die Erwartungslücke der Öffentlichkeit vielleicht seinen Grund nicht eher darin, dass der Berufsstand, insbesondere die Big4(!), permanent Etikettenschwindel begehen?

Die Reinwaschung von EY durch ein Positionspapier des Lobbyvereins ist hierbei genauso kontraproduktiv wie Fachaufsätze wissenschaftlicher Eliten auf Bestellung!

Eins ist sicher: Die Erwartungslücke bleibt (ein Klassiker)!!!

06.08.2020
Wirecard: "APAK ermittelte bereits seit 2019 gegen EY"

Ein Jahr vor der Kanzlerwahl scheint der Wirecard-Skandal auch Gegenstand des Polit-Theaters in Berlin zu werden: BMF (SPD) und das BMWi (CDU) ergehen sich in Schuldzuweisungen.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (BMF) hatte bereits letzte Woche ein "16 Punkte-Reformpaket" aus dem Hut gezaubert, möchte die BaFin (Finanzaufsicht) neu ausrichten und sieht schwerwiegende Fehler bei EY als Wirtschaftsprüfer und deren Aufsicht durch die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS).

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU), Rechtsaufsicht über die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) und die APAS, sieht demgegenüber die Aufsicht "gut aufgestellt" und verweist darauf, dass die APAS bereits seit Oktober 2019 gegen EY ermittelt hätte. Das Vorermittlungsverfahren sei nach Vorlage des KPMG-Sonderberichtes im Mai 2020 in ein förmliches Berufsaufsichtsverfahren überführt worden.

Um dieses Theater besser zu verstehen, sollte man folgendes wissen:

  • Die APAK ist die  Fachaufsicht über die rd. 80 Prüfer und Prüfungsgesellschaften (insbesondere die Big4), die Banken, Versicherungen und börsennotierte Unternehmen (ca. 1.750) in Deutschland prüfen - die sogenannten § 319a-HGB-Mandate.
  • Die APAK untersteht - was bereits seit Jahren kritisiert wird - keiner eigenen Fachaufsicht, sondern ihr obliegt sogar noch die Fachaufsicht über die WPK. Somit überwacht sie als letztinstanzliche Fachaufsicht den gesamten Berufsstand und dessen Berufskammer! Ist doch toll - oder?
  • Die APAS ging 2016 aus der APAK hervor, die von honorigen Personen (u.a. Ex-BFH-Präsident Dr.h.c. Wolfgang Spindler und Prof. Kai-Uwe Marten) "ehrenamtlich" geleitet wurde. Diese kassierten jedoch, entgegen der gesetzlichen Vorgabe, über Jahre hinweg Hundertausende Euro an Sitzungsgeldern und Aufwandspauschalen aus den vollen Kassen der WPK.
  • Kollege WP/StB Ralf Bose (Ex-KPMG), heutiger Vorsitzender der APAS, war der Kollege, der in Zeiten der Finanzmarktkrise alle uneingeschränkten  Deutsche-Bank-Testate unterschrieb ("Skandalprüfer") und aus dem Haushalt der WPK erhebliche Zuwendungen für seinen "Übergang auf die APAS" erhielt. 
  • Weiterhin muss man wissen, dass sich die APAS fast ausschließlich aus Big4-Mitarbeitern rekrutiert. So ist man unter sich und die Big4 überwachen sich letztlich selber. Man kennt sich also aus dem Alumni-Netzwerk und bekommt irgendwann die Altersversorgung aus der selben Pensionskasse.

So, und jetzt zum Kern des Themas:

Bundeswirtschaftsminister Altmeier, mein oberster Rechtsaufseher, behauptet zu seiner Entlastung, dass gegen EY in der Causa Wirecard seitens der APAS bereits seit 2019 ermittelt worden wäre. Gleichzeitig bemängelt die APAS aber immer wieder ihre mangelhafte Personal- und Sachausstattung.

Momentan ist die APAS übrigens damit beschäftigt, sich Jahresabschlussprüfungen von § 319a-Mandanten aus dem Jahre 2018(!) anzusehen. Wie spärlich die "Ausbeute" ihrer Tätigkeit ist, läßt sich auf der neuen Website schnell ausmachen (www.apasbafa.bund.de). Von einschlägigen Sanktionen gegen die Big4 ganz zu schweigen. Vielmehr Schweigen und Intransparenz.

Die Wahrheit ist,

  • dass die Berufsaufsicht über die Big4 nicht funktionieren soll bzw. von deren Lobbyisten selbst ineffizient gestaltet und dem Gesetzgeber so "verkauft" wurde.
  • Demgegenüber hat die APAS in den letzten Jahren systematisch eine Marktbereinigung der § 319a-Mandate zugunsten der Big4 betrieben und kleineren Prüfungsgesellschaften durch rüde Methoden und Arroganz das Leben schwer gemacht. Innerhalb weniger Jahre ist die Zahl der § 319a-Prüfer von ca. 300 auf unter 80 Gesellschaften dramatisch zurückgegangen.
  • Über die APAS beaufsichtigen sich die Big4 selber. Die Inspektoren der APAS, die fast ausschließlich aus dem Kreise der Big4 stammen, treffen bei ihren Inspektionen immer wieder frühere Kollegen und Gleichgesinnte.
  • Die APAS ist genauso wie die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) ein "Schlafmützenladen". Die DPR hatte klare Hinweise der BaFin und ließ nur einen einzigen Mitarbeiter über ein Jahr hin "ermitteln". Die APAS hat mangels Personal erst "vorermittelt", dann Monate später "ermittelt" und letztlich ebenfalls nichts festgestellt oder gar verhindert.
  • Wenn der Lobbyismus der Big4 und die Besetzung von Posten in Facharbeit und Aufsicht beim IDW, der WPK und der APAS nicht unterbunden wird, kann die Berufsaufsicht über Wirtschaftsprüfer nicht funktionieren! 

Ein Blick nach Großbritannien ("watchdog") oder in die USA (PCAOB) zeigt, wie man es besser machen kann. Dort werden bei fehlerhaften oder gar skandalösen Prüfungen die Gesellschaften beim Namen genannt und es werden drakonische Millionen-Strafen oder gar Berufsverbote verhängt.

Der "16-Mrd.€-Markt der Wirtschaftsprüfer in Deutschland" ist für die Big4 ein "Ort der Glückseligkeit"! Sie alleine haben einen Marktanteil von rd. 50%!

Man überwacht sich selber und die Feststellungen der Inspektionen bleiben intransparent!

28.07.2020
Wirecard: EY und das Märchen vom aufgedeckten Betrug

Das IDW setzt in Sachen Wirecard offensichtlich alles daran, den Eindruck zu erwecken, dass

  • EY den Bilanzbetrug tatsächlich im Juni 2020 selbst aufgedeckt, 
  • Opfer globaler, nicht prüfbarer krimineller Machenschaften geworden sei und
  • alle fachlichen Verlautbarungen ordnungsgemäß angewendet hätte.

Der Lobbyverein der Big4 sieht es offensichtlich als seine Aufgabe an, den enormen Reputationsschaden für EY und die gesamte Branche möglichst kleinzureden und den Gesetzgeber von jedweden regulatorischen Eingriffen ins Berufsrecht und bei der Abschlussprüfung abzuhalten. Deshalb zaubert man (von den Big4 vorformulierte) Reformvorschläge in Form eines "Positionspapiers" aus dem Hut.

Tatsache ist jedoch, aufgrund der Aussagen des Kronzeugen Oliver Bellenhaus, der mittlerweile aufgetauchten Unterlagen des KPMG-Gutachtens (samt Anlagen) und der eindeutigen Whistleblower-Hinweise, dass EY es seit 2015(!) versäumt hat, den Auffälligkeiten und eindeutigen Warnhinweisen im Rahmen eines risikoorientierten Prüfungsansatzes (IDW PS 261 n.F.) nachzugehen, und es wohl in den letzten Jahren keine "hinreichende Sicherheit" für uneingeschränkte Bestätigungsvermerke (IDW PS 200, Tz. 9) gegeben hatte.

Wie können die beiden verantwortlichen EY-Wirtschaftsprüfer noch nach Bekanntwerden des KPMG-Gutachten in Erwägung gezogen haben, dass - wie in Vorjahren - uneingeschränkt testiert wird, jedoch lediglich nur ein Teil der Treuhandgelder (440 Mio.€) nach Deutschland überwiesen werden müssen!?

Es sind handwerkliche Fehler

  • der Missachtung jahrealter deutlicher Warnhinweise von Shortsellern, Finanzanalysten und Aufsichtsbehörden und
  • der unzureichenden Prüfung völlig irrealer Treuhandkonten.

Vielmehr musste EY offensichtlich noch im Juni 2020 davon abgehalten werden, ein seit mindestens fünf Jahren bestehendes Lügengebäude zu testieren. Den Entwurf eines uneingeschränktes Testats hatte man ja bereits am 02.06.2020 Wirecard übersandt.

Damit dürfte das Märchen ausgeträumt sein, dass EY selbst die Betrügereien im Rahmen der Abschlussprüfung 2019 festgestellt habe.

Wie kann das IDW am 16.07.2020 im "Positionspapier" feststellen, dass die "Abschlussprüfung des Jahres 2019 bei Wirecard ihre Funktion wirksam erfüllt hat". Auch die Fehlerhaftigkeit der vier Vorjahresabschlüsse (2015 bis 2018) ist mittlerweile staatsanwaltlich bestätigt.

Die juristische Aufarbeitung wird sicherlich noch vielen Überraschungen, auch bezogen auf die von EY durchgeführte Abschlussprüfung, bereit halten.

Die Geschichte erinnert zunehmend an Flowtex, "Big Manni" und die von der KPMG testierten, jedoch nicht existenten millionenschweren Horizontalbohrgeräte.

Die FlowTex Technologie GmbH & Co. KG im badischen Ettlingen war ein Unternehmen, das in betrügerischer Weise mit Maschinen zur Verlegung unterirdischer Leitungen handelte. Im Tatzeitraum von 1994 bis 1999 entstand ein Schaden von fast 4,2 Milliarden Mark. KPMG wurde gegenüber den Gläubigerbanken gerichtlich zu einem Schadenersatz von mehr als zwei Milliarden Mark verurteilt und "überlebte" diesen Haftungsfall nur durch Intervention des Bundeskanzleramtes (Gerhard Schröder). Man einigte sich mit den Banken auf die Zahlung von 100 Mio. Mark, die seinerzeit vollständig von der Wiesbadener Versicherungsstelle - dem Versicherer der Big4 - übernommen wurde. Schon damals galt für die Big4: To big to fail - Und dies gilt sicherlich auch heute noch!

Öffentlichkeit und Politik werden sich heute sicherlich fragen:

Was hat die WP-Branche in den letzten 20 Jahren eigentlich dazugelernt?

27.07.2020
Wirecard - Es stand schon 2018 im Internet!

Nicht nur die Financial Times (FT) und Shortseller ahnten bereits vor Jahren, was sich da bei Wirecard zusammenbraut. Auch Finanzportale wie "Finanz-Szene.de" veröffentlichten bereits in 2018 qualifizierte Bilanz- und Kennzahlenanalysen, die eindeutige Hinweise darauf geben, dass die Jahresabschlüsse und Geschäftsberichte 2015 ff. nicht stimmen können.

Der Finanzanalyst Thomas Borgwerth stellt in einem Gespräch mit dem Betreiber des Finanzportals am 04.09.2018 in einer 15-seitigen Analyse Kuriositäten und Wiedersprüche in den Wirecard-Zahlen fest, die beim neutralen Betrachter zumindest alle Alarmglocken läuten lassen. In einer Vergleichsbetrachtung mit dem in den Niederlanden umjubelten Wettbewerber Ayden und dem Konkurrenten Wordpay legt der Autor immer wieder den Finger in die Wunde: Wirecard ist rätselhaft! - Es kann alles nicht stimmen!

Hier hätte EY die Katastrophe bereits rechtzeitig erkennen können!

Die Bundesregierung ist in der Not bis zum Frühjahr nächsten Jahres (Wahljahr!) ein "Reformpaket" für die Finanzaufsicht und den Berufsstand vorzulegen. Die Ministerien überbieten sich momentan bei den Lehren aus der Causa Wirecard und schachern um ihre politische Verantwortlichkeit. Das IDW gibt als Lobbyverein von EY und den übrigen Big4 ungefragt ein "Positionspapier" heraus und will der Politik Vorgaben machen, was jetzt zu tun sei. Dies klingt jedoch alles nur verwirrend, schuldabweisend und neunmalklug!

Vielleicht sollte das IDW einmal mit Basics für den Berufsstand beginnen und im Rahmen seines unverschämten Anspruchs der IT-Dominanz für den Berufsstand folgende Kurse anbieten:

  • "Internet for beginners" und
  • "Recherche für Fortgeschrittene".

Vielleicht gibt es dann, wenn man an beiden Kursen teilgenommen hat noch den Titel: "IT-Super-Auditor IDW".

Wieso gehört die qualifizierte Wettbewerbsanalyse (im Internet) nicht schon längst zum Handwerkszeug der Prüfungsdurchführung und Standard der Facharbeit?

Dazu bedarf es übrigens auch nicht einer - wie vom IDW geforderten -  "von der Bundesregierung eingesetzten Kommission" (von Lobbyisten).

Es geht hierbei schlichtweg um das biedere "Handwerkszeug des Prüfungsgeschäftes".

24.07.2020
Wirecard: EY wollte noch Anfang Juni 2020 uneingeschränkt testieren

Immer wieder belegen weitere Dokumente in der Causa Wirecard, dass EY bis Anfang Juni 2020 bereit war, für die Rechnungslegung 2019 (wiederum) ein uneingeschränktes Testat zu erteilen. 

Der Financial Times (FT) liegen Dokumente vor, die belegen, dass EY sich weitgehend über die Bedenken von KPMG im Sondergutachten, wie auch über vorliegende Zweifel von Whistleblowern hinwegsetzen wollte (https://www.ft.com/content/568d5f9f-ebbe-48fc-a7b7-0ebf34c3cb83).

Mit Datum vom 2. Juni 2020 sandte EY bereits Wirecard den Entwurf eines uneingeschränkten Bestätigungsvermerks (BSV) zu. Der Entwurf des BSV von EY erwähnte keine Bedingungen für die Erteilung eines uneingeschränkten BSV.

Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind, teilten der FT jedoch mit, dass die Erlangung eines solchen Urteils von EY davon abhängig gemacht worden sei, dass 440 Millionen Euro in vier Tranchen von Treuhandkonten auf den Philippinen, die angeblich von einem Treuhänder in Asien im Auftrag von Wirecard überwacht werden, auf die Konten der Gruppe in Deutschland überwiesen werden.

Wirecard hatte bekanntlich für den 18. Juni 2020 eine Pressekonferenz angesetzt, um die Ergebnisse der Abschlussprüfung 2019 zu veröffentlichen. 

Im BSV-Entwurf stellte EY fest, dass seine "erweiterten Prüfungsverfahren" keine Hinweise darauf lieferten, dass das TPA-Geschäft in Asien problematisch sei.

  • "Im Rahmen der Prüfung haben wir uns davon überzeugt, dass die uns bekannt gewordenen Vorwürfe [bezüglich des Acquiring durch Dritte] durch Maßnahmen des Vorstands der Wirecard weiterverfolgt und bewertet wurden", stellte EY fest.
  • Weiterhin heißt es: "Im Verlauf unserer erweiterten Prüfungsverfahren haben sich keine Anhaltspunkte ergeben, die auf Rechtsverstöße in Bezug auf [das Third-Party-Acquiring-Geschäft] schließen lassen". 

In einer ersten Stellungnahme zu den nunmehr aufgetauchten neuen Papieren äußerte sich Prof. Hansrudi Lenz (Uni Würzburg):

  • "Typischerweise ändern sich bei jedem normalen Prüfungsprozess in einem so späten Stadium nur noch geringfügige Details und nicht mehr die grundsätzliche Sichtweise des Prüfers" und fügte hinzu, dass er es
  • "höchst überraschend" finde, dass das EY Anfang Juni noch in Erwägung zu ziehen schien, Wirecard ein uneingeschränkten Testat zu erteilen.

Ein weiterer Knaller:

Weiterhin wurde durch Veröffentlichung der FT zwischenzeitlich bekannt, dass KPMG vorab, d.h. am 27.04.2020, EY und auch Wirecard (!) Einsicht in Entwürfe des forensischen Gutachtens gegeben hat und die beiden verantwortlichen EY-Prüfer Andreas Budde und Martin Dahmen noch gegenüber Wirecard ihre Bedenken zum Ausdruck brachten, ob diese Feststellungen von KPMG richtig seien und man die Besonderheiten des Falles hinsichtlich des Drittgeschäftes richtig wiedergegeben habe (https://www.ft.com/content/a5cfadb6-0df1-4205-b223-99c432869078). .

Es bleibt zu erwarten/befürchten, dass es noch weitere interessante Informationen über die Abschlussprüfungen von Wirecard geben wird.

Wie naiv ist es vom IDW (und den Big4), bereits am 15.07.2020 mit einem verabschiedeten Positionspapier an die Öffentlichkeit zu gehen und vorzutäuschen, dass man bereits ein vollständiges Reformpaket habe, um den Berufstand und die Finanzaufsicht "weiterzuentwicklen"!? Wollte man nicht erst einmal abwarten, analysieren und diskutieren, bevor man Lösungen vorgaukelt? Jetzt muss man in Kauf nehmen, dass man ggfs. jeden Tag durch neue Veröffentlichungen überrascht wird und das Positionspapier immer deutlicher als "Lobbypapier" oder "gedankenloser Rundumschlag" entlarvt wird.

Eine Frage hab ich noch:

Wieso berichtet die deutsche Presse eigentlich nicht über solche Hintergründe der Wirecard-Prüfungen und die mittlerweile vorliegenden Dokumente?

Das hab ich Ihnen doch schon oft genug erklärt ...

24.07.2020
Prof. Marten - der wahre Treuhänder der APAK!

Mein gestriger Beitrag über die Begründung herrschender Meinung zu den mutmaßlichen Fehlern von EY bei der Prüfung von Wirecard schlug doch erhebliche Wellen. Die Reaktionen schwankten zwischen Zweifeln an der fachlichen Expertise von Prof. Marten bis hin zu Unverständnis, warum sich Prof. Marten für solch durchsichtige Lobbyarbeit des IDW missbrauchen lässt.

Ebenso gab es deutliche Hinweise von Kollegen/innen darauf, dass eigentlich doch bekannt sein sollte, dass das Finanzsystem in den Philippinen ein Paradies für Kriminelle ist.

Der professorale Beitrag zur "Prüfung von Treuhandkonten" kann so nicht unbeantwortet bleiben, weshalb DER BETRIEB bereits aufgefordert wurde, alsbald eine Replik abzudrucken.

Der renommierte Autor des Standardwerks "Handbuch Jahresabschlussprüfung", Dr. Werner Krommes, sandte mir gestern seine Kurzanalyse des Aufsatzes von Prof. Marten mit praxisnahen Hinweisen.

Interessant waren auch Hinweise von Gremienmitgliedern der WPK, ob ich denn nicht wüsste, dass Prof. Marten als ehemaliges Mitglied der APAK ein ganz wichtiger Treuhänder für den Berufsstand sei. 

Die Abschlussprüferaufsichtskommission (APAK) war ein im Januar 2005 eingerichtetes Gremium mit Sitz bei der WPK, das aus zehn vom BMWi berufenen Experten der Bereiche Rechnungslegung, Finanzwesen, Wirtschaft, Wissenschaft und Rechtsprechung bestand. Aufgabe der APAK war es, eine öffentliche fachbezogene Aufsicht über die WPK zu führen. Die APAK wurde im Rahmen der Umsetzung des Abschlussprüferaufsichtsreformgesetzes (APAReG) zum 17. Juni 2016 aufgelöst. Die Aufgaben der APAK übernahm die berufsstandsunabhängige und selbständige Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS), die beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) eingerichtet wurde. Da man bei Auflösung der APAK in 2016 nicht wusste, wo man die umfangreichen Akten aufbewahren sollte, beauftragte man Prof. Marten als Bewahrer und Treuhänder mit dieser verantwortlichen Aufgabe.

Warum man seinerzeit nicht über alternative Aufbewahrungsorte, etwa bei der WPK oder dem BMWi als Rechtsaufsicht nachgedacht hat, bleibt im Verborgenen. Prof. Marten ist somit der Gralshüter der (skandalösen) APAK.

Ob die Akten heute in seinem Privathaus in Memmingen oder in der Ulmer Uni oder sonstwo schlummern, ist nicht bekannt. Ebensowenig können Aussagen über die Konditionierung dieses Treuhand-Jobs gemacht werden oder ob hiermit gar Sitzungselder verbunden sind!?

Insofern scheint Prof. Marten doch der exponierte Fachmann in Sachen Treuhandschaft für den Berufsstand zu sein.