Aktuelles

09.07.2020
Prof. Marten: Hurra! - bald dürfen wir in die Wirecard-Prüfungsberichte schauen!

Nachdem das IDW und die WPK im Falle Wirecard aus ihrer Schockstarre erwacht sind und erste Stellungnahmen abgegeben haben, melden sich auch erste professorale "Experten" in der Sache zu Wort. Allen voran Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, Uni Ulm. Übrigens eine jener Unis, die in dem gefakten Ranking des manager magazins unter die "TOP-Adressen für Wirtschaftsprüfer" kam (vgl. mein Newsletter Nr. 82).

"Experte" Prof. Marten (58) macht im manager magazin den Wirecard-Gläubigern "Hoffnung", da diese gemäß § 321a HGB nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens unter bestimmten Voraussetzungen die EY-Prüfungsberichte 2016-2018 einsehen dürfen. Sollten Betroffene Einsicht in die Berichte fordern, so Experte Marten, würde es "spannend".

  • "Dann kann man sehen, was die Wirtschaftsprüfer im Fall Wirecard gemacht haben, ob es Verdachtsfälle gab und wenn ja, wie sie dem nachgegangen sind."

Bei dieser Aussage fragt man sich tatsächlich,

  • ob Experte Marten weiß, was in einem Prüfungsbericht berufsüblich drin steht (IDW PS 450 n.F.)?
  • Weiterhin wird man sich kaum vorstellen können, was in den abschließenden EY-Prüfungsberichten noch drinsteht, wenn die "Bande von Aschheim" das Leseexemplar bearbeitet hat!?
  • Wie will man denn seitens EY in der Vergangenheit "uneingeschränkt" testiert haben, wenn man im Prüfungsbericht bedeutende "Verdachtsfälle" aufgelistet sehen und erfahren würde, wie EY damit umgegangen ist!?

Experte Marten nimmt in seinem Pressestatement offensiv EY in Schutz und erläutert der erstaunten Öffentlichkeit:

  • Es ist ein großer Unterschied, ob man eine normale gesetzliche Abschlussprüfung durchführt oder gezielt nach Betrug sucht. EY habe lediglich den Auftrag gehabt zu prüfen, ob der Wirecard-Abschluss mit den gesetzlichen Bestimmungen und den IFRS  übereinstimme. Unterschied: An einer Sonderprüfung, wie KPMG sie dann durchgeführt habe, seien - so erfährt man vom Experten - beispielsweise "ehemalige Kriminalkommissare" beteiligt.

Gemäß gesetzlichem Auftrag (§ 317 I 3 HGB) war es die Aufgabe von EY die Prüfung von Wirecard so anzulegen,

  • "dass Unrichtigkeiten und Verstöße ... bei gewissenhafter Berufsausübung erkannt werden."

Aber vielleicht versucht es Experte Marten einmal mit den berufsständischen Verlautbarungen des Lobbyvereins der Big4, dem IDW e.V.:

Nach IDW PS 302 n.F. (Tz. 20 und A25f.) hätte EY bei einem Volumen von 1,9 Mrd.€ zwingend Bankbestätigungen mit einem vorgeschriebenen Mindestinhalt einholen müssen (Tz. 21 und A27 ff.). Anforderung zur Einholung von Dritt- bzw. Bankbestätigungen ist in jedem Falle, dass der Abschlussprüfer "(jederzeit) die Kontrolle über das Bestätigungsverfahren bewahren muss." (vgl. IDW PS 302 n.F., Tz. 8 und A10) und sich nicht mit Screenshots, Kopien oder anderen Taschenspielertricks abspeisen lässt.

Um zu diesen Erkenntnissen zu kommen, muss man übrigens kein "Experte" sein. Die eigenverantwortliche und nicht manipulierbare Einholung von Bestätigungen Dritter gehört im WP-Examen zum Einstiegsthema "Wirtschaftsprüfung for beginners"!

Der Berufsstand und die Öffentlichkeit haben für solche Experten-Statements kein Verständnis. Dies sieht wohl eher nach Lobbyarbeit aus!

03.07.2020
Wirecard: Das Systemversagen und der alte Zopf mit der Verschwiegenheit

Der Fall Wirecard hat in der unrühmlichen Reihe deutscher Bilanzskandale die Qualität eines Erdbebens. Experten sprechen mittlerweile von einem kollektiven Aufsichtsversagen von BaFin, DRP und Wirtschaftsprüfern. Das Vertrauen in die Finanzberichterstattung ist (mal wieder) dahin!

Während sich die deutsche Bilanzpolizei (DPR) und die BaFin auf ihren Websites aktuell mit Nicht-Zuständigkeit zu rechtfertigen suchen, verschanzt man sich im Berufsstand hinter der berufsmäßigen Verschwiegenheit (§§ 17, 43 I WPO).

Die DPR lässt in einer Pressemitteilung vom 01.07.2020 wissen

  • „dass im Fall Wirecard zu keinem Zeitpunkt Mängel im Prüfablauf vorlagen und die Prüfung jederzeit streng nach den Vorgaben des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) und des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) erfolgt ist. Auch die Kommunikation mit der BaFin hat im üblichen Maß und in der etablierten Frequenz stattgefunden“. 

Von 4-Augen-Prinzip und Funktionstrennung bei der Prüfung scheint man bei der DPR bisher wohl noch nichts gehört zu haben, da man mit der Wirecard-Prüfung nur einen Mitarbeiter beauftragt habe...

Auch die Verteidigungsstrategie der BaFin konzentriert sich nun offenbar auf eine Nichtzuständigkeitsdebatte. Nachdem deren Chef Felix Hufeld am 23.6.2020 im Rahmen einer Tagung hinsichtlich Wirecard von einer

  • „Schande“ für Deutschland (vgl. FAZ vom 23.6.2020, S. 15) gesprochen hatte, ging es in einer Anhörung nur eine Woche später um technisch anmutende Zuständigkeitsaspekte dahingehend, ob die Wirecard AG als Finanzholding anzusehen ist oder nicht.

Im Auge des Sturms ist mittlerweile auch EY:

Beispielsweise schätzte der Prozessfinanzierer FORIS AG die Lage laut Mitteilung vom 2.7.2020 wie folgt ein:

  • „Da EY die Wirecard-Bilanzen bereits seit 2009 durchgehend geprüft – und bestätigt – hat, stehen nun die Wirtschaftsprüfer selbst im Rampenlicht, wenn es um die Durchsetzung der milliardenhohen Schadenersatzforderungen geschädigter Anleger geht.“ 

Von den EY-Prüfern selbst, vom ansonsten so redseligen Big4-Lobbyverein IDW e.V.. und der Berufs(aufsichts)kammer WPK ist NICHTS zu hören - Schweigen im Walde. Versuche von EY, das Systemversagen zu relativieren und zu erklären, dass man selbst betrogen worden sei, helfen hier überhaupt nicht weiter.

Erinnert man sich doch noch an die vollmundigen Worte des EY-Deutschland-Chef Hubert Barth

  • „Wir haben uns sehr früh mit der Digitalisierung in der Wirtschaftsprüfung auseinandergesetzt und tätigen seit Jahren große Investitionen in Know-how und neue Technologien. Dazu gehören unsere weltweite digitale Prüfungsplattform Canvas und Tools zur Datenanalyse sowie zur automatisierten Unterstützung der Prüfungsdurchführung. Wir nehmen heute eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung der Abschlussprüfung ein. Die digitale Abschlussprüfung von EY bietet Sicherheit, Zuverlässigkeit und neue Einblicke in das Finanzwesen und die Prozesslandschaft von Unternehmen.“

Fraglich ist jedoch, inwieweit "kritische Grundhaltung" und "gesunder Menschenverstand" durch Aufrüstung digitaler Prüfungstools ersetzt werden können.

Mein Tipp wäre jedoch noch ein anderer:

Vielleicht sollten Gesetzgeber und Berufsstand überlegen, die "Verschwiegenheit" (des ach so elitären Berufsstandes) zur Disposition zu stellen. Wie kann der Berufsstand für sich in Anspruch nehmen, dass er eine "systemrelevante Funktion in der Wirtschaftsordnung" hat und sich gleichzeitig im Zeitalter der Transparenz systematisch verweigern. Dies dient nicht der Glaubwürdigkeit und lässt eher vermuten, dass man - wie in der Vergangenheit - eher auf ein "Vergessen" hofft.

So ist es:

Nachrichten über die prozessuale Aufarbeitung von Bilanzskandalen sind ohnehin in deutschen Medien rar gesät und werden - wenn überhaupt - Jahre auf sich warten lassen.

02.07.2020
Rankings in der WP-Branche: Das schlug ein, wie eine Bombe!

Die Reaktionen aus dem Berufsstand über den im gestrigen Newsletter (Nr. 82 (1) ) veröffentlichten "Erfahrungsbericht" eines Kollegen zur  Erlangung eines Ranking-Platzes im manager magazin schlugen ein wie eine Bombe. Sie reichten vom schallenden Gelächter bis hin zur Schockstarre. 

Meine Berichterstattung über "wissenschaftliche Studien" und Rankings im Berufsstand (Newsletter Nr. 80 und 81) hatte eine erhebliche Resonanz ausgelöst. Mehrere Kollegen/innen nahmen unsere Berichterstattung zum Anlass und "outeten" sich, dass sie in Vorjahren an solch teuren "Theaterveranstaltungen" der Presse teilgenommen hatten.

Hinsichtlich der von den Medien angewandten Methode unterscheiden sich die diversen Rankings bei manager magazin, FOKUS, WiWo und  brandeins kaum. Die Vorgehensweise der Verlage und somit auch die Motive der "Studienteilnehmer" sind offensichtlich.

Falls Sie den Newsletter nicht bekommen haben: Hier ist noch mal der Link zum "Erfahrungsbericht".

Fazit:

So etwas macht man nicht! Kaufen Sie sich nicht Ihren Lorbeerkranz durch Anzeigenhonorare bei einem Verlag und täuschen damit die Öffentlichkeit. Glänzen Sie nicht durch unglaubwürdige Rankings, sondern lieber durch qualifizierte fachliche Expertise! Profitieren Sie von der kostenlosen Mund-zu-Mund-Propaganda zufriedener Mandanten!

01.07.2020
von der Leyen - War da noch was?

Ich weiß - Man kann sich kaum noch erinnern! Vor Corona und Wirecard sprachen wir kurz über die Berateraffäre im Bundesverteidigungsministerium von Frau Dr. Gertrud Ursula von der Leyen. Ach so! - und ihrem McKinsey-Superstar Katrin Suder.

Dazwischen kam die überraschende Präsidentschafts-Kür von "Kanonen-Uschi" bei der EU und die Berufung von Katrin-Superstar als Vorsitzende des Digitalrates der Bundesregierung ins Bundeskanzleramt.

Es ging um Beraterverträge an McKinsey und die Big4 im dreistelligen Millionenbereich, Düpierung des Beschaffungsamtes der Bundeswehr und einen enormen Schaden für alle Steuerzahler. Das Chaos bei der Bundeswehr ist im übrigen auch heute unter AKK noch nicht abgestellt.

Dann lassen wir es bitte auch schnell hinter uns bringen:

  • Wer ist verantwortlich? - Keiner!
  • Wer kann haftbar gemacht werden? - Keiner!
  • Wer kann sich noch erinnern? - Keiner!
  • Wer bewies ein Schuldeingeständnis? - Keiner!

An Arroganz und Borniertheit waren die Auftritte der beiden Damen nicht zu überbieten! - Sie wussten genau, wie dieses "Spiel" ausgehen wird, und wurden ja beide noch rechtzeitig weggelobt und gut positioniert. Da konnte man auch einfach mal spontan das Dienst-Handy komplett löschen ...

Der Untersuchungsausschuss attestierte beiden Damen im Schlussbericht, dass sie "Wesentliche Erkenntnisse ausgeblendet" hätten! Das bedeutet im Klartext, dass Schweigen die elegantere Variante ist als Lügen. Im Ergebnis kommt es allerdings aufs Gleiche raus.

- Damit scheint man sich dann auch gleichzeitig für höhere Aufgaben zu qualifizieren. - Toll, oder?

Entschuldigung, dass ich noch mal den alten Kram kurz aufwärmen wollte. Es war doch alles schon so schön "vergessen".

Ich tue es nicht wieder - macht nur schlechte Stimmung.

30.06.2020
Awado - ein neuer Stern am Prüferhimmel

Für die TOP 25 Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind lt. LÜNENDONK die Plätze in der Regel vergeben. Die Big4 tauschen nach wilden Aufholjagden schon mal die Plätze. Die nachfolgenden Player versuchen es mit Netzwerken, Übernahmen oder sind von dem Virus der Fusionitis befallen. - "Größe" bedeutet schließlich - so nimmt man an - Anerkennung und Marktmacht.

Bei genauerer Betrachtung muss man jedoch zunächst erkennen, dass es eine Zweiteilung im WP-Markt gibt - der öffentliche WP-Markt und der abgeschottete Markt der genossenschaftlichen Prüfungsverbände. Seit den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts müssen genossenschaftlich organisierte Unternehmen einem "genossenschaftlichen Prüfungsverband" anzugehören.

Einer der größten Pflichtverbände ist hierbei der Genossenschaftsverband - Verband der Regionen e.V., Neu-Isenburg bei Frankfurt. Er prüft einen milliardenschweren Pharma-Großhändler ebenso wie Banken. Der Verband macht ca. 170 Mio. € Umsatz im konkurrenzlosen Geschäft der Prüfung von Genossenschaften, erwirtschaftet jedoch über seine Prüfungsgesellschaft Awado weitere 30 Mio. € mit Drittmandaten außerhalb des genossenschaftlichen Bereichs.

Und jetzt kommt der Knaller:

Der Genossenschaftsverband möchte jetzt mit Awado in den Angriffsmodus übergehen und dort den Umsatz auf 100 Mio. € mehr als verdreifachen. Damit wäre man insgesamt mit ca. 400 Mio. € unter den TOP 10 der Branche - etwa auf Augenhöhe von BDO, Rödl und Ebner Stolz. Die momentan noch fehlende fachliche Expertise im Industriebereich will man nach Aussage des Verbands-CEO, Kollegen Ingmar Rega (Ex-KPMG-Bereichsvorstand) gezielt angehen. Wegen des fehlendes Auslandsnetzes hat man mit Warth & Klein eine Kooperation geschlossen, die den Zugang zum internationalen Netzwerk Grant Thornton eröffnet. Gleichzeitig denkt man auch über Übernahmen in der Branche nach - zuletzt geschehen mit HANSA Treuhand in Rostock.

Also, es scheint erneut Bewegung in den WP-Markt zu kommen!

Mein Tipp:

Die Anwälte der WPK sollten schleunigst einmal prüfen, ob dieses neue Geschäftsmodell des Genossenschaftsverbandes mit dem "Genossenschafts-Privileg" vereinbar ist und welche ordnungspolitischen Folgen dies für den WP-Markt haben wird. Kann man unter dem Deckmantel einer Genossenschafts-WPG allgemeine Prüfungsmandate bearbeiten? Kann man sich an WPGs im öffentlichen Markt beteiligen? - Oder ist dies vieleicht ein Mißbrauch des Genossenschaftsprivilegs?

Eins bleibt festzustellen: Die Zahl der Super-Strategen im Berufsstand scheint ebenso zuzunehmen wie die Angriffe auf unser Berufsrecht. Wehret den Anfängen!

Die Kammer ist gefordert!

29.06.2020
Wirecard - ein Gedicht

Der jähe Absturz von Wirecard - und wieder mal ein "Supergau" im Finanzkapitalismus.

Bilanzmanipulation, Betrug, WP-Versagen, Strafanzeigen, Schadenersatzklagen, superschlaue Anlegeranwälte mit Statements - und all das im Stundentakt ...

Hierzu, anstatt seitenlanger Abhandlungen und Wiederholungen von Nachrichten-Meldungen, das passende Gedicht - zum schmunzeln:

Die Geschichte ähnlich klingt,
wie neulich noch DAX‘ liebstes Kind.

WIRECARD war groß im Kommen,
wie Apple stylisch, heiß begehrt,

Die Anleger ham‘s gern genommen,
doch ahnte man, es läuft verkehrt.

Meldungen gabs schon seit Jahren,
über manch Geschäftsgebaren,

Whistleblower taten kund,
Journalisten schrieben viel,
und es machte längst die Rund‘,
doch unterblieb, weil es missfiel.

Stattdessen droht man Klage an,
zu unterlassen, weil es Rufmord sei,
Ernst & Young ist gleich dabei,
doch jetzt die BAFIN auch mit dran.

Jetzt fliegt der ganze Skandal auf,
die Schlagzeile geht um die Welt,
es stürzt sich wirklich jeder drauf,
Millionen Anleger geprellt.

1,9 Milliarden sind „verloren“,
es scheint, sie waren nie „geboren".

Das Geld es sei in Asien dort,
doch wo genau an welchem Ort?

Zu treuen Händen gab man hin,
der Herr dort leider nie erschien.

Die Summe der Bilanz nun sei,
zu einem Viertel Augenwischerei.

Der CEO hat Angst bekommen,
nun auch gleich vom Thron geklommen.

Sogleich er sich in Haft begeben,
denn fürchtet ja schon neues Beben,

doch bleibt nicht lang, nur über Nacht,
denn hat ja auch was mitgebracht,

5 Millionen sei der Lohn,
für freien Fuß- man nennt’s Kaution.

Woher hat man denn soviel Geld?
Die Frage sich nun jeder stellt.

Die Antwort ist hier gleich gegeben,
man war aktiv noch VOR dem Beben.

Er hat, so sei ja zugegeben,
die Aktien an fremd gegeben

als sie hatte noch nen Wert,
das sei ja schließlich nicht verkehrt.

Pikant dabei, denn das Papier,
bemisst in Euro, exakt vier,

doch war Verkauf, ein jeder weiß,
zu einem etwas höh’ren Preis.

Das Papier, man wird fast schwach,
im Preis war fast mal fünfzigfach.

WIRECARD, der Niedergang,
meldet Insolvenz nun an.

Der Börsenplatz erschüttert schwer,
„es müssen Konsequenzen her“,

fordern jetzt, von Groß bis Klein,
alle aus verschied’nen Reih’n.

Wie lautet nun, ich frag‘ nochmal,
aus dem Skandal denn die Moral?

Hättet mehr gehört,
auf was euch damals hat gestört.

Ungereimt, so manches war,
doch keiner wollte haben wahr.

Leute tuen Kund‘,
dass es läuft nicht rund.

Natürlich kann man nicht erbringen,
den Beweis bei krummen Dingen,

denn darauf ist der Chef erpicht,
dass Belege gibt es nicht!

Doch Mahner gibt es gar zuhauf,
ihr besser einmal hört auch drauf!

Vielen Dank an den dichtenden Münchner Ex-Kollegen!

29.06.2020
Wirecard - auch die deutsche Bilanzpolizei hat versagt

Seit dem Jahr 2005 ist die Deutsche Bilanzpolizei (DPR e.V.) für die Durchsetzung von Rechnungslegungsnormen in Deutschland zuständig. Dabei bildet sie - neben Abschussprüfer und Aufsichtsrat - die dritte Säule des Enforcements.

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens der DPR fand am 03. Juli 2015 ein Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt, an dem rund 180 geladene Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung teilnahmen. Dies konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bereits  erhebliche Zweifel an der Kompetenz und Effizienz der DPR, einem privatwirtschaftlichen Verein, laut wurden. WPwatch hatte bereits 2014 den "Club der Ü-60-Egomanen" durchleutet und erhebliche Zweifel an dessen Unabhängigkeit geäußert. Die Reputation des Vereins war massiv beschädigt, so dass renomierte Mitglieder umgehend zurücktraten. 

Doch nun zum Wirecard-Skandal:

Als eine der ersten Konsequenzen aus dem medienwirksamen Bilanzskandal kündigt die Bundesregierung den Vertrag mit der "Bilanzpolizei" zum nächstmöglichen Termin (31.12.2021)!

Spätestens bis dahin müssen die Ministerien eine neue Kontrollstruktur gefunden haben.

Das Fass zum Überlaufen brachte offensichtlich die Tatsache, dass die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin) bereits im Februar 2019 der DPR eindeutige Hinweise auf "Ungereimtheiten" in der Halbjahresbilanz von Wirecard gab und man dort mit lediglich einem subalternen Mitarbeiter 16 Monate ohne Ergebnis und Zwischenbericht herumwurschtelte. Zur Personalstärke der Bilanzpolizei heißt es noch heute auf der Website des Vereins: "Die Anzahl der Planstellen für die Mitglieder der Prüfstelle beträgt derzeit 15, wobei der Stellenplan nicht vollständig ausgeschöpft wird." - Ein Witz!

Schön, dass zwischenzeitlich der skandalöse Präsident der DPR (Prof. h.c. Edgar Ernst) seine sechsstelligen Aufsichtsratshonorare bei diversen DAX-Unternehmen kassieren konnte. - Ein Treppenwitz!!! Ebenso scheint es ja auch unauffällig gewesen zu sein, dass sich Dr. h.c.  Wolfgang Spindler, Ex-BFH-Präsident und Ex-APAK-Vorsitzender, in diesem erlauchten Bilanzpolizei-Gremium jahrelang bewegte und auch heute wieder mit klugen Vorschlägen zu Wort meldete.

Der Fisch stinkt eben immer vom Kopf her!

15.06.2020
EY - Wirecard und die Unabhängigkeit des Wirtschaftsprüfers

In diesen Tagen erleben wir wieder ein Musterbeispiel für die "systemrelevante Funktion des Wirtschaftsprüfers in der Wirtschaftsordnung" und seine allumfängliche Unabhängigkeit (§§ 43 I, 17 WPO).

Es muss vorangestellt werden, dass wir uns bei Wirecard AG (noch) in einem laufenden Prüfungsprozess befinden (§§ 316 ff. HGB), d.h. der von der HV gewählte Abschlussprüfer EY seinen Vertrag durch Vorlage des Prüfungsberichts (§ 321 HGB) und Bestätigungsvermerks (§ 322 HGB) bisher noch nicht erfüllt hat. Wie das "Gesamturteil" (auch genannt: Testat) und die EY-Berichterstattung im Prüfungsbericht (§ 321 HGB) letztlich ausfallen werden, ist bisher nicht bekannt.

All dies steht noch aus und wurde nach unerträglichem medialem Gezerre nun für den 18. Juni 2020 angekündigt.

Auf der einen Seite steht der windige Gründer, Hasardeur und Möchte-Gern-Milliardär Markus Braun, der es mit GoB (§ 238 f. HGB), Compliance, Nachweis- und Vorlagepflichten (§ 320 HGB) sowie angemessener Unternehmenskommunikation nicht so erst nimmt, und sein zukunftsweisendes Geschäftsmodell der Zahlungsabwicklung gegen beinharte internationale Konkurrenz durchsetzen möchte. 

Andererseits gibt es die gehetzten Wirtschaftsprüfer von EY, die seit 10 Jahren Wirecard uneingeschränkt testiert haben und deren Testate der Vorjahre durch eine Sonderprüfung der KPMG erheblich in Zweifel zu ziehen sind. Kapitalanleger-Anwälte verklagen bereits EY auf Schadensersatz und schreiben ein "Wünsch-Dir-Was-Ergebnis" der 2019´er Jahresabschlussprüfung in die Wolken. Zocker, Traumtänzer, Täuscher, Blender und "Experten" geben sich im Hintergrund ungehindert ein Stelldichein.

Damit sind vordergründig zunächst die Rollen verteilt! 

Es ist aber tatsächlich noch komplizierter:

  • Vorstände von Wirecard geben der Presse schon einmal Interviews, in denen sie erklären, dass EY jetzt "extrem hart prüfen" würde. Gleichwohl erwarte man alsbald ein "uneingeschränktes Testat." Mit solch unüberlegten Äußerungen handelt man sich prompt eine Strafanzeige der BaFin wegen möglicher Marktmanipulation ein. Die Razzia der Staatsanwaltschaft München I folgt auf dem Fuß.
  • EY andererseits weiß, dass dies die letzte Abschlussprüfung für Wirecard sein wird, da der Aufsichtsrat bereits auf der Suche nach einem Folgeprüfer ist. Also geht es um einen "eleganten Absprung" ohne allzugroßen Reputationsverlust und berufsaufsichtsrechtliche Konsequenzen. Als Pointe am Rande sei angemerkt, dass EY erst im letzten Jahr die Neu-Ausschreibung des Wirecard-Mandats (wieder) gewonnen hatte und die 2019´iger Abschlussprüfung der Beginn einer neuen 10-Jahres-Serie sein sollte.

Der schier unerträgliche "Fall Wirecard" muss für den Berufsstand und die Politik Anlass sein, über grundlegende Fragen nachzudenken:

  • 10 Jahre lang zelebrierter "Qualitätskontroll-Wahnsinn" und Selbstbeschäftigung im Berufsstand mit derart desaströsen Prüfungsmängeln in Vorjahren zeigt, dass es bei den Big4 nicht weit her ist mit "interner Qualitätssicherung" und Nachschau-Prüfung.
  • Die systemrelevante Rolle von Wirtschaftsprüfern muss vom Gesetzgeber neu definiert werden und
  • die (finanzielle) Unabhängigkeit des Berufsstands muss endlich umgesetzt werden. Abschlussprüfung ist weder eine "austauschbare Dienstleistung", noch "Prostitution auf hohem Niveau"!

05.06.2020
Rödl hat sich verzockt! - Was nun?

Nach der umfassenden Berichterstattung von wpwatch liegt jetzt der Ball in der Spielhälfte der WP-Berufsaufsicht!

Dort wird man erst einmal die Karten mischen und Bestandsaufnahme unbearbeiteter Post machen müssen. Der Aufschlag dieses Schmierentheaters war bundesweit zu hören und die Nervosität der Super-Strategen in Nürnberg war zu spüren.

Jetzt werden interessante Einzelfragen zu beantworten sein:

  • Da Prof. h.c. Christian Rödl noch nicht mal eine Registrierungsnummer im WP Register besitzt, stellt sich die Frage der Kammer-Zuständigkeit für das Täuschungsverhalten. Wäre die Berufsaufsicht der Rechtsanwalts- oder Steuerberaterkammer nicht für diesen Kollegen zuständig ?
  • Die Zuständigkeiten der WPK / APAS für die netten Kollegen Kraus, Wambach und Bömelburg dürften klar sein.
  • In Bezug auf den WPK Vorstand bleibt die Frage, wie sich die Mitglieder, insbesondere die beiden bayerischen Kollegen, zu dem skandalösen Vorgang positionieren.
  • Es ist zu vermuten, dass die Big4-Vertreter das Zünglein an der Waage bilden, ob bei diesem Vorgang ein Exempel statuiert werden soll. Dies ist sicherlich auch eine Frage, um die Glaubwürdigkeit der Berufsaufsicht wieder herzustellen.
  • Rödl könnte im Extremfall damit aus dem Markt gedrängt werden. Kein Big4-Büro hat in der Metropolregion Nürnberg die Größe von Rödl erreicht, da ergeben sich beim in Aussicht stehenden Fischfang per se Filetstücke und damit Begehrlichkeiten. 

Oder ist meine Vorhersage mit der "Geheimjustiz" realistischer? - Verschwiegenheit, Verschlussache, Basta!

Es wird in nächster Zeit spannend bleiben!

05.06.2020
Rödl und der nächste Peer Review

Aus dem Transparenzbericht 2019, S.15, der Rödl & Partner GmbH geht hervor, dass der nächste Peer Review im Hause Rödl bis zum 17. November 2020 durchgeführt sein muss. Die externe Qualitätskontrolle gemäß § 55b WPO unterliegt der Aufsicht der WPK und wird auch durch die entsprechenden Gremien der Qualitätskontrollkommission (QKK) und den Inspektoren der Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) gerne begleitet. Die letztinstanzliche Fachaufsicht liegt im Falle Rödl ohnehin bei der APAS. 

Bei der ganzen Trickserei im Hause Rödl um die Anerkennung als WPG dürfen sich für den (sicherlich schon auserkorenen) externen Qualitätskontrollprüfer ebenso wie für die Inspektoren der APAS interessante Fragestellungen ergeben. Bei dem Thema WPG-Anerkennung handelt es sich doch sicherlich auch um ein "bedeutsames Prüfungsrisiko", welches vor Beginn des reviews unter den Beteiligten zu klären wäre.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch folgende Feststellung:

Rödl läßt seinen Einzel- und Konzernabschluss seit Jahren von Frau Kollegin Ingeborg Balogh (BALOGH Revisions- und Treuhand GmbH, Nürnberg) testieren. Das Honorar für den Einzelabschluss beträgt nur 23,5 T€. Für den Konzernabschluss der Sebalder Treuhand GmbH zahlt Rödl der Kollegin immerhin 48 T€. Vergleichbar wäre dies etwa mit der Prüfung der BDO, wo der Kollege Rainer Inzelmann, Hamburg, immerhin mit 111 T€ plus 134 T€ ein mehr als dreifaches Honorar kassiert. - Merkwürdig!?

Dann wünschen wir den Berufsaufsehern der WPK, den Mitgliedern der QKK und der APAS schon mal viel Spaß bei ihren berufsrechtlichen Aufgaben und der Auswertung des Berichtes des "unabhängigen Reviewers".