Aktuelles

07.08.2020
Wirecard-"Erwartungslücke"? - Wiedergeburt eines Klassikers

Zunächst schrieb Prof. Marten (auf Bestellung) in der Causa Wirecard den EY-Rechtfertigungs-Aufsatz über die Prüfung von Treuhandkonten in DER BETRIEB (Nr. 29 vom 20.07.2020, S. 1465 ff.). Jetzt darf Prof. Quick mit seinen beiden spanischen Kollegen nachlegen und in der WPg 15.2020 (S. 867 ff.) ausführlich über die Erwartungslücke sinnieren.

Prof. Marten springt EY zur Seite und stellt kurzum fest, dass man eigentlich dort nicht viel falsch gemacht hat, und verkennt dabei die einfachen handwerklichen Fehler einer weltweit vernetzten Big4-Gesellschaft, die offensichtlich bereits seit Jahren von dem kometenhaften Aufstieg der Gelddruckmaschine Wirecard berauscht und geblendet war. Da ist man doch einfach stolz auf solche Mandanten, die man seit 11 Jahren beraten und testiert hatte und die wie eine Rakete zum Milliarden-Highlight avancieren. Man war gar ein Teil des Erfolges.

- Jetzt hören Sie doch auf mit Ihrer vergeigten Einholung von Bankbestätigungen - dem kleinen Einmaleins des Wirtschaftlichen Prüfungswesens. Wir waren doch bereits auf dem Weg zu den Sternen!

Offensichtlich auf Bestellung des Lobbyvereins IDW e.V. ist jetzt Prof. Quick gefragt, der mit dem spanischen Duo Toledano in der Hauszeitschrift WPg ("Kompetenz schafft Vertrauen") einen Klassiker aus der Klamottenkiste rausholt und neu aufführt. Es gilt hier mit allen Möglichkeiten wissenschaftlichen Arbeitens die Frage zu beantworten:

  • Erfüllen Abschlussprüfer die Erwartungen der Öffentlichkeit?

Ich kenne mich und weiß, dass ich mich weigern werde, diesen 7-seitigen "Fachaufsatz" zu lesen! Warum auch? Diese Thematik hat bereits einen so langen Bart, beschäftigt uns schon seit 30 Jahren und kommt immer wieder zum gleichen Ergebnis:

  • Die Öffentlichkeit erwartet von Wirtschaftsprüfern einfach zuviel!
  • Das kann der Berufsstand nicht leisten!
  • Und damit ist die "Erwartungslücke" wieder erklärt und bestätigt!
  • Und es wird immer so bleiben!

Wie wäre es denn mal mit folgenden Erklärungsversuchen:

  • Das IDW und die Big4 geben sich gerne den Schein der Allwissenheit,
  • sind lt. ihrer Werbung mit den teuersten und besten Analyseprogrammen unterwegs,
  • vergessen manchmal, dass hier tatsächlich noch Menschen im Prüfungsprozess unterwegs sind und
  • haben - geblendet vom faszinierenden Geschäftsmodell des Mandanten -  "ihre Prüfernase" ausgeschaltet.

Soll heißen: Wenn Wirtschaftsprüfer zuviel versprechen und sich medial als fachlich unfehlbar geben, muss die Folge sein, dass sich im Bilanzskandal und bei Systemversagen eine eklatante Erwartungslücke offenbart!

Hat also die Erwartungslücke der Öffentlichkeit vielleicht seinen Grund nicht eher darin, dass der Berufsstand, insbesondere die Big4(!), permanent Etikettenschwindel begehen?

Die Reinwaschung von EY durch ein Positionspapier des Lobbyvereins ist hierbei genauso kontraproduktiv wie Fachaufsätze wissenschaftlicher Eliten auf Bestellung!

Eins ist sicher: Die Erwartungslücke bleibt (ein Klassiker)!!!

06.08.2020
Wirecard: "APAK ermittelte bereits seit 2019 gegen EY"

Ein Jahr vor der Kanzlerwahl scheint der Wirecard-Skandal auch Gegenstand des Polit-Theaters in Berlin zu werden: BMF (SPD) und das BMWi (CDU) ergehen sich in Schuldzuweisungen.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (BMF) hatte bereits letzte Woche ein "16 Punkte-Reformpaket" aus dem Hut gezaubert, möchte die BaFin (Finanzaufsicht) neu ausrichten und sieht schwerwiegende Fehler bei EY als Wirtschaftsprüfer und deren Aufsicht durch die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS).

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU), Rechtsaufsicht über die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) und die APAS, sieht demgegenüber die Aufsicht "gut aufgestellt" und verweist darauf, dass die APAS bereits seit Oktober 2019 gegen EY ermittelt hätte. Das Vorermittlungsverfahren sei nach Vorlage des KPMG-Sonderberichtes im Mai 2020 in ein förmliches Berufsaufsichtsverfahren überführt worden.

Um dieses Theater besser zu verstehen, sollte man folgendes wissen:

  • Die APAK ist die  Fachaufsicht über die rd. 80 Prüfer und Prüfungsgesellschaften (insbesondere die Big4), die Banken, Versicherungen und börsennotierte Unternehmen (ca. 1.750) in Deutschland prüfen - die sogenannten § 319a-HGB-Mandate.
  • Die APAK untersteht - was bereits seit Jahren kritisiert wird - keiner eigenen Fachaufsicht, sondern ihr obliegt sogar noch die Fachaufsicht über die WPK. Somit überwacht sie als letztinstanzliche Fachaufsicht den gesamten Berufsstand und dessen Berufskammer! Ist doch toll - oder?
  • Die APAS ging 2016 aus der APAK hervor, die von honorigen Personen (u.a. Ex-BFH-Präsident Dr.h.c. Wolfgang Spindler und Prof. Kai-Uwe Marten) "ehrenamtlich" geleitet wurde. Diese kassierten jedoch, entgegen der gesetzlichen Vorgabe, über Jahre hinweg Hundertausende Euro an Sitzungsgeldern und Aufwandspauschalen aus den vollen Kassen der WPK.
  • Kollege WP/StB Ralf Bose (Ex-KPMG), heutiger Vorsitzender der APAS, war der Kollege, der in Zeiten der Finanzmarktkrise alle uneingeschränkten  Deutsche-Bank-Testate unterschrieb ("Skandalprüfer") und aus dem Haushalt der WPK erhebliche Zuwendungen für seinen "Übergang auf die APAS" erhielt. 
  • Weiterhin muss man wissen, dass sich die APAS fast ausschließlich aus Big4-Mitarbeitern rekrutiert. So ist man unter sich und die Big4 überwachen sich letztlich selber. Man kennt sich also aus dem Alumni-Netzwerk und bekommt irgendwann die Altersversorgung aus der selben Pensionskasse.

So, und jetzt zum Kern des Themas:

Bundeswirtschaftsminister Altmeier, mein oberster Rechtsaufseher, behauptet zu seiner Entlastung, dass gegen EY in der Causa Wirecard seitens der APAS bereits seit 2019 ermittelt worden wäre. Gleichzeitig bemängelt die APAS aber immer wieder ihre mangelhafte Personal- und Sachausstattung.

Momentan ist die APAS übrigens damit beschäftigt, sich Jahresabschlussprüfungen von § 319a-Mandanten aus dem Jahre 2018(!) anzusehen. Wie spärlich die "Ausbeute" ihrer Tätigkeit ist, läßt sich auf der neuen Website schnell ausmachen (www.apasbafa.bund.de). Von einschlägigen Sanktionen gegen die Big4 ganz zu schweigen. Vielmehr Schweigen und Intransparenz.

Die Wahrheit ist,

  • dass die Berufsaufsicht über die Big4 nicht funktionieren soll bzw. von deren Lobbyisten selbst ineffizient gestaltet und dem Gesetzgeber so "verkauft" wurde.
  • Demgegenüber hat die APAS in den letzten Jahren systematisch eine Marktbereinigung der § 319a-Mandate zugunsten der Big4 betrieben und kleineren Prüfungsgesellschaften durch rüde Methoden und Arroganz das Leben schwer gemacht. Innerhalb weniger Jahre ist die Zahl der § 319a-Prüfer von ca. 300 auf unter 80 Gesellschaften dramatisch zurückgegangen.
  • Über die APAS beaufsichtigen sich die Big4 selber. Die Inspektoren der APAS, die fast ausschließlich aus dem Kreise der Big4 stammen, treffen bei ihren Inspektionen immer wieder frühere Kollegen und Gleichgesinnte.
  • Die APAS ist genauso wie die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) ein "Schlafmützenladen". Die DPR hatte klare Hinweise der BaFin und ließ nur einen einzigen Mitarbeiter über ein Jahr hin "ermitteln". Die APAS hat mangels Personal erst "vorermittelt", dann Monate später "ermittelt" und letztlich ebenfalls nichts festgestellt oder gar verhindert.
  • Wenn der Lobbyismus der Big4 und die Besetzung von Posten in Facharbeit und Aufsicht beim IDW, der WPK und der APAS nicht unterbunden wird, kann die Berufsaufsicht über Wirtschaftsprüfer nicht funktionieren! 

Ein Blick nach Großbritannien ("watchdog") oder in die USA (PCAOB) zeigt, wie man es besser machen kann. Dort werden bei fehlerhaften oder gar skandalösen Prüfungen die Gesellschaften beim Namen genannt und es werden drakonische Millionen-Strafen oder gar Berufsverbote verhängt.

Der "16-Mrd.€-Markt der Wirtschaftsprüfer in Deutschland" ist für die Big4 ein "Ort der Glückseligkeit"! Sie alleine haben einen Marktanteil von rd. 50%!

Man überwacht sich selber und die Feststellungen der Inspektionen bleiben intransparent!

27.07.2020
Wirecard - Es stand schon 2018 im Internet!

Nicht nur die Financial Times (FT) und Shortseller ahnten bereits vor Jahren, was sich da bei Wirecard zusammenbraut. Auch Finanzportale wie "Finanz-Szene.de" veröffentlichten bereits in 2018 qualifizierte Bilanz- und Kennzahlenanalysen, die eindeutige Hinweise darauf geben, dass die Jahresabschlüsse und Geschäftsberichte 2015 ff. nicht stimmen können.

Der Finanzanalyst Thomas Borgwerth stellt in einem Gespräch mit dem Betreiber des Finanzportals am 04.09.2018 in einer 15-seitigen Analyse Kuriositäten und Wiedersprüche in den Wirecard-Zahlen fest, die beim neutralen Betrachter zumindest alle Alarmglocken läuten lassen. In einer Vergleichsbetrachtung mit dem in den Niederlanden umjubelten Wettbewerber Ayden und dem Konkurrenten Wordpay legt der Autor immer wieder den Finger in die Wunde: Wirecard ist rätselhaft! - Es kann alles nicht stimmen!

Hier hätte EY die Katastrophe bereits rechtzeitig erkennen können!

Die Bundesregierung ist in der Not bis zum Frühjahr nächsten Jahres (Wahljahr!) ein "Reformpaket" für die Finanzaufsicht und den Berufsstand vorzulegen. Die Ministerien überbieten sich momentan bei den Lehren aus der Causa Wirecard und schachern um ihre politische Verantwortlichkeit. Das IDW gibt als Lobbyverein von EY und den übrigen Big4 ungefragt ein "Positionspapier" heraus und will der Politik Vorgaben machen, was jetzt zu tun sei. Dies klingt jedoch alles nur verwirrend, schuldabweisend und neunmalklug!

Vielleicht sollte das IDW einmal mit Basics für den Berufsstand beginnen und im Rahmen seines unverschämten Anspruchs der IT-Dominanz für den Berufsstand folgende Kurse anbieten:

  • "Internet for beginners" und
  • "Recherche für Fortgeschrittene".

Vielleicht gibt es dann, wenn man an beiden Kursen teilgenommen hat noch den Titel: "IT-Super-Auditor IDW".

Wieso gehört die qualifizierte Wettbewerbsanalyse (im Internet) nicht schon längst zum Handwerkszeug der Prüfungsdurchführung und Standard der Facharbeit?

Dazu bedarf es übrigens auch nicht einer - wie vom IDW geforderten -  "von der Bundesregierung eingesetzten Kommission" (von Lobbyisten).

Es geht hierbei schlichtweg um das biedere "Handwerkszeug des Prüfungsgeschäftes".

24.07.2020
Wirecard: EY wollte noch Anfang Juni 2020 uneingeschränkt testieren

Immer wieder belegen weitere Dokumente in der Causa Wirecard, dass EY bis Anfang Juni 2020 bereit war, für die Rechnungslegung 2019 (wiederum) ein uneingeschränktes Testat zu erteilen. 

Der Financial Times (FT) liegen Dokumente vor, die belegen, dass EY sich weitgehend über die Bedenken von KPMG im Sondergutachten, wie auch über vorliegende Zweifel von Whistleblowern hinwegsetzen wollte (https://www.ft.com/content/568d5f9f-ebbe-48fc-a7b7-0ebf34c3cb83).

Mit Datum vom 2. Juni 2020 sandte EY bereits Wirecard den Entwurf eines uneingeschränkten Bestätigungsvermerks (BSV) zu. Der Entwurf des BSV von EY erwähnte keine Bedingungen für die Erteilung eines uneingeschränkten BSV.

Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind, teilten der FT jedoch mit, dass die Erlangung eines solchen Urteils von EY davon abhängig gemacht worden sei, dass 440 Millionen Euro in vier Tranchen von Treuhandkonten auf den Philippinen, die angeblich von einem Treuhänder in Asien im Auftrag von Wirecard überwacht werden, auf die Konten der Gruppe in Deutschland überwiesen werden.

Wirecard hatte bekanntlich für den 18. Juni 2020 eine Pressekonferenz angesetzt, um die Ergebnisse der Abschlussprüfung 2019 zu veröffentlichen. 

Im BSV-Entwurf stellte EY fest, dass seine "erweiterten Prüfungsverfahren" keine Hinweise darauf lieferten, dass das TPA-Geschäft in Asien problematisch sei.

  • "Im Rahmen der Prüfung haben wir uns davon überzeugt, dass die uns bekannt gewordenen Vorwürfe [bezüglich des Acquiring durch Dritte] durch Maßnahmen des Vorstands der Wirecard weiterverfolgt und bewertet wurden", stellte EY fest.
  • Weiterhin heißt es: "Im Verlauf unserer erweiterten Prüfungsverfahren haben sich keine Anhaltspunkte ergeben, die auf Rechtsverstöße in Bezug auf [das Third-Party-Acquiring-Geschäft] schließen lassen". 

In einer ersten Stellungnahme zu den nunmehr aufgetauchten neuen Papieren äußerte sich Prof. Hansrudi Lenz (Uni Würzburg):

  • "Typischerweise ändern sich bei jedem normalen Prüfungsprozess in einem so späten Stadium nur noch geringfügige Details und nicht mehr die grundsätzliche Sichtweise des Prüfers" und fügte hinzu, dass er es
  • "höchst überraschend" finde, dass das EY Anfang Juni noch in Erwägung zu ziehen schien, Wirecard ein uneingeschränkten Testat zu erteilen.

Ein weiterer Knaller:

Weiterhin wurde durch Veröffentlichung der FT zwischenzeitlich bekannt, dass KPMG vorab, d.h. am 27.04.2020, EY und auch Wirecard (!) Einsicht in Entwürfe des forensischen Gutachtens gegeben hat und die beiden verantwortlichen EY-Prüfer Andreas Budde und Martin Dahmen noch gegenüber Wirecard ihre Bedenken zum Ausdruck brachten, ob diese Feststellungen von KPMG richtig seien und man die Besonderheiten des Falles hinsichtlich des Drittgeschäftes richtig wiedergegeben habe (https://www.ft.com/content/a5cfadb6-0df1-4205-b223-99c432869078). .

Es bleibt zu erwarten/befürchten, dass es noch weitere interessante Informationen über die Abschlussprüfungen von Wirecard geben wird.

Wie naiv ist es vom IDW (und den Big4), bereits am 15.07.2020 mit einem verabschiedeten Positionspapier an die Öffentlichkeit zu gehen und vorzutäuschen, dass man bereits ein vollständiges Reformpaket habe, um den Berufstand und die Finanzaufsicht "weiterzuentwicklen"!? Wollte man nicht erst einmal abwarten, analysieren und diskutieren, bevor man Lösungen vorgaukelt? Jetzt muss man in Kauf nehmen, dass man ggfs. jeden Tag durch neue Veröffentlichungen überrascht wird und das Positionspapier immer deutlicher als "Lobbypapier" oder "gedankenloser Rundumschlag" entlarvt wird.

Eine Frage hab ich noch:

Wieso berichtet die deutsche Presse eigentlich nicht über solche Hintergründe der Wirecard-Prüfungen und die mittlerweile vorliegenden Dokumente?

Das hab ich Ihnen doch schon oft genug erklärt ...

24.07.2020
Prof. Marten - der wahre Treuhänder der APAK!

Mein gestriger Beitrag über die Begründung herrschender Meinung zu den mutmaßlichen Fehlern von EY bei der Prüfung von Wirecard schlug doch erhebliche Wellen. Die Reaktionen schwankten zwischen Zweifeln an der fachlichen Expertise von Prof. Marten bis hin zu Unverständnis, warum sich Prof. Marten für solch durchsichtige Lobbyarbeit des IDW missbrauchen lässt.

Ebenso gab es deutliche Hinweise von Kollegen/innen darauf, dass eigentlich doch bekannt sein sollte, dass das Finanzsystem in den Philippinen ein Paradies für Kriminelle ist.

Der professorale Beitrag zur "Prüfung von Treuhandkonten" kann so nicht unbeantwortet bleiben, weshalb DER BETRIEB bereits aufgefordert wurde, alsbald eine Replik abzudrucken.

Der renommierte Autor des Standardwerks "Handbuch Jahresabschlussprüfung", Dr. Werner Krommes, sandte mir gestern seine Kurzanalyse des Aufsatzes von Prof. Marten mit praxisnahen Hinweisen.

Interessant waren auch Hinweise von Gremienmitgliedern der WPK, ob ich denn nicht wüsste, dass Prof. Marten als ehemaliges Mitglied der APAK ein ganz wichtiger Treuhänder für den Berufsstand sei. 

Die Abschlussprüferaufsichtskommission (APAK) war ein im Januar 2005 eingerichtetes Gremium mit Sitz bei der WPK, das aus zehn vom BMWi berufenen Experten der Bereiche Rechnungslegung, Finanzwesen, Wirtschaft, Wissenschaft und Rechtsprechung bestand. Aufgabe der APAK war es, eine öffentliche fachbezogene Aufsicht über die WPK zu führen. Die APAK wurde im Rahmen der Umsetzung des Abschlussprüferaufsichtsreformgesetzes (APAReG) zum 17. Juni 2016 aufgelöst. Die Aufgaben der APAK übernahm die berufsstandsunabhängige und selbständige Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS), die beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) eingerichtet wurde. Da man bei Auflösung der APAK in 2016 nicht wusste, wo man die umfangreichen Akten aufbewahren sollte, beauftragte man Prof. Marten als Bewahrer und Treuhänder mit dieser verantwortlichen Aufgabe.

Warum man seinerzeit nicht über alternative Aufbewahrungsorte, etwa bei der WPK oder dem BMWi als Rechtsaufsicht nachgedacht hat, bleibt im Verborgenen. Prof. Marten ist somit der Gralshüter der (skandalösen) APAK.

Ob die Akten heute in seinem Privathaus in Memmingen oder in der Ulmer Uni oder sonstwo schlummern, ist nicht bekannt. Ebensowenig können Aussagen über die Konditionierung dieses Treuhand-Jobs gemacht werden oder ob hiermit gar Sitzungselder verbunden sind!?

Insofern scheint Prof. Marten doch der exponierte Fachmann in Sachen Treuhandschaft für den Berufsstand zu sein.

23.07.2020
Wirecard: Und jetzt noch schnell herrschende Meinung schreiben!

Seitdem die Staatsanwaltschaft München I davon ausgeht, dass bei Wirecard die Rechnungslegung bereits seit 2015 massiv gefälscht wurde und Umsätze, Ergebnisse und Treuhandguthaben aufgebläht wurden, wird es für den Shooting-Star der Branche, Ernst & Young (EY) zunehmend eng. Die Anlegeranwälte sind bereits in den Startlöchern und der ein oder andere Journalist mutmaßt, dass EY Deutschland diesen Bilanz- und Prüferskandal nicht überstehen wird. All dies erinnert irgendwie an den Fall Flowtex und die KPMG.

Obgleich sich die Politik, WPK und IDW irgendwie einig sind, dass zunächst die Ermittlungen abgewartet, keine Vorverurteilungen vorgenommen und Reform- sowie Regulierungsvorschläge warten sollten, fragt sich die Zunft doch gleich, wie man hier bereits jetzt EY zur Seite springen kann. Nicht nur die Presse wird entsprechend informiert, dass man EY eigentlich wegen der massiven Betrügereien keine großen Vorwürfe machen kann. Wohl rein zufällig erschien gestern wohl in DER BETRIEB (Nr. 29, 20.07.2020) ein Fachaufsatz von Prof. Dr. Kai-Uwe Marten (Uni Ulm):

  • "Die Prüfung von Treuhandkonten im Rahmen der Abschlussprüfung".

Bei der Lektüre des fast fünfseitigen Beitrags im Handelsblatt-Verlag beschleicht einen das Gefühl, dass hier - vom IDW lanciert - bereits zitierfähige "herrschende Meinung" verbreitet werden soll. Wer weiß, wofür es gut ist, dass man später einmal im Haftpflichtprozess einen "renommierten" Professor zitieren kann, der bestätigt, dass man EY keine Vorwürfe machen kann. Dies nennt man "herrschende Meinung auf Bestellung (on demand)". Und dies ist ethisch verwerflich!

Psst, nicht verraten, dass es hier um (verdeckte) Lobbyarbeit des Professors für eine eventuelle Haftung von EY im Falle Wirecard geht. Vielleicht bringt man sich hier aber auch bereits in Stellung, da in dem Haftpflichtprozess später doch entsprechende Gutachten beauftragt werden.

Wenn Sie bei wpwatch einmal den Suchbegriff "Prof. Marten" eingeben, erhalten Sie 71 Meldungen (!) und erfahren auch recht bald, warum der flankierende professorale Schutz für EY gerade von ihm kommt.

Oder erinnert Sie dies nicht auch an das 79-seitige Hommel-Gutachten, mit dem meine Klage gegen die WPK wegen Falschbilanzierung  abgewiesen wurde? - Und jeder wusste, dass dieses Gutachten auf Bestellung geschrieben wurde und höchst zweifelhaft war. - So ist das eben auch mit den Hochschulen, dem IDW und den Verbindungen zu den Big4! - Mein Vater sagte immer: "Eine Hand wäscht die andere!"

Man erinnere sich auch noch an die Zeit, als Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, noch Mitglied der Abschlussprüferaufsichtskommission (APAK) und in 2016 gar deren Vorsitzender war. Gemeinsam war er mit Ex-BFH-Präsident Dr. h.c. Wolfgang Spindler "ehrenamtlich" für die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) (§ 66a WPO a.F.) tätig und kassierte über Jahre hinweg hunderttausende Euro aus der vollen Kasse der WPK!

Wie geht es jetzt noch weiter mit dem flankierenden Schutz für EY und der Meinungsbildung? - Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein FAZ- Artikel von Georg Giersberg mit Bezug auf den "Experten" Prof. Marten und die Feststellung, dass EY eigentlich gar nicht soviel falsch gemacht haben kann.

Dann sind die Big4, die Presse und das Lobbyistenumfeld doch wieder in trauter Seligkeit vereint!

Zu befürchten ist jedoch, dass diese Lobbyarbeit zunehmend als "Bärendienst" entlarvt wird. Dass es solcher Kungeleien der fachlichen Eliten bedarf, zeigt doch nur, dass EY und der Lobbyverein IDW im Falle Wirecard doch einiges zu befürchten glauben!

13.07.2020
Wirecard: Wer redet eigentlich mit der Presse?

Der Bilanzskandal Wirecard zeigt nicht nur ein Systemversagen der deutschen Finanzaufsicht (BaFin, DPR), sondern lässt auch in der Presse erhebliche Kritik am Berufsstand der Wirtschaftsprüfer laut werden. Dies betrifft sowohl die wirtschafts- und ordnungspolitische Funktion des Berufsstandes, dessen Aufsicht sowie Vorhaltungen über Fehler bei der Prüfungsdurchführung durch EY.

Schaut man sich die täglichen Pressemeldungen und die immer wieder neuen Details zum Fall Wirecard genauer an, so stellt sich sehr schnell die Frage, wer sich aus dem Berufsstand - in wessen Auftrag oder Legitimation auch immer - gegenüber der Presse äußert:

  • Prof. h.c. Naumann, CEO des Lobbyvereins der Big4 IDW e.V., äußert sich am häufigsten. Ein seitenlanges Statement gegenüber den Vereinsmitgliedern und Interviews  in Presse, Funk & Fernsehen sind für ihn offensichtlich selbstverständlich. Man hat geradezu den Eindruck, dass sich hier der Pressesprecher des gesamten Berufsstands äußert, der in dieser Rolle auch legitimiert sei. 
  • Die Berufskammer WPK bringt es auf schlappe eineinhalb Seiten Pressemeldung und der Präsident verteilt lieber Maulkörbe an Vorstandsmitglieder. - Auch wenn diese - ebenso wie das IDW - einer Berufsvereinigung (wp.net) vorstehen.
  • Dann gibt es noch Geschäftsführer großer WPGs außerhalb der Big4 (Warth & Klein, Mazars), die (mit Einverständnis der Big4 und des IDW) Presseanfragen beantworten und sich in Interviews gegenüber der Presse bereitwillig - und auch kritisch - in der Causa Wirecard einlassen.

Insgesamt muss in der Presse und in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, als sei Prof. h.c. Naumann als Lobbyist der Big4 (und Chef-Theoretiker) der wichtigste Mann im Berufsstand. Hier kocht offensichtlich der Chef selbst und hier liegt die Meinungsführerschaft. Einen offiziellen Pressesprecher gibt es beim IDW nicht. Auch nicht bei der WPK. Dort wählt Präsident Ziegler nach langen Wochen des Schweigens wohldosiert - abgestimmt mit dem IDW - karge und nichtssagende Worte.

Es gilt: Nur nichts kritisches über EY oder die Big4 sagen. Schließlich hängen millionenschwere Mitgliedsbeiträge und Zuwendungen daran.

Während die WPK den Standpunkt vertritt: "Erst aufarbeiten, dann Maßnahmen diskutieren", steckt Prof. h.c. Naumann bereits halsüber in einer Wünsch-Dir-Was-Reform der Finanzaufsicht und gesetzlichen Ausweitung der Abschlussprüfung. Er macht als Lobbyist schon mal ungefragt tiefgreifende Vorschläge an den Gesetzgeber, als ginge es um seinen Job! In der FAZ ist von Georg Giersberg zu lesen:

  • Noch diese Woche wird das IDW ein Positionspapier verabschieden, das die Diskussion um Verbesserungen der Wirtschaftsprüfung und der Aufsicht anregen soll. Es geht um konkrete Vorschläge zu den Bereichen Unternehmensführung (Corporate Governance), Abschlussprüfung, Aufsicht (der Wirtschaftsprüfer) und um die Wahrnehmung und Verarbeitung von Unternehmensnachrichten durch den Kapitalmarkt.

Also noch einmal zum Mitdenken:

  • Alle Wirtschaftsprüfer/innen und Organmitglieder des Berufsstandes sollen die Klappe halten und die Einheit und Geschlossenheit des Berufsstandes nach außen demonstrieren.
  • Wir sollen alle erst einmal - auf dringende Empfehlung vom WPK und IDW - eine (jahrelange) Analyse und Aufarbeitung des Wirecard-Skandal abwarten und
  • der hochbezahlte Cheflobbyist der Big4 hat absolut freien Lauf, dem Gesetzgeber (BMWi) - wie auch schon bei vorherigen Gesetzesreformen - bereits jetzt die notwendigen Reformschritte ins Gebetbuch zu schreiben.

Man weiß noch nichts, produziert aber die passende Reform binnen weniger Tagen, um die Politik in die richtige Richtung zu lenken und das milliardenschwere (gescheiterte) Geschäftsmodell der Big4 zu retten.

Eine Frage hab ich noch:

Wie lange lässt der Berufsstand sich solche Verdummung und Bevormundung noch gefallen? Wer gibt Prof. h.c. Naumann die Legitimation, als die (einzige) Stimme des Berufsstandes aufzutreten? Hat das IDW trotz Corona-Pandemie und unzulänglicher Transformation der ISA nichts wichtigeres zu tun?

Und die WPK schaut gebannt zu.

13.07.2020
Wirecard: Richtigstellung zur Rolle der APAS

Die Geschäftsführung der WPK hat mich gebeten, meine wpwatch-Meldung vom 09.07.2020:

  • "Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer"  

zu korrigieren.

Richtig ist: Da es sich bei Wirecard um ein DAX-Mandat handelt, d.h. ein sog. § 319a HGB-Mandat vorliegt, entscheidet allein die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) über die Einleitung berufsgerichtlicher Maßnahmen gegen die verantwortlichen EY-Kollegen und nicht - wie berichtet - die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) bei der WPK.

Sorry, hätte nicht passieren dürfen.

Da sich die APAS fast ausschließlich aus Ex-Big4-Mitarbeitern rekrutiert (Alumni-Netzwerk und gleiche Pensionskasse), fällt es nicht schwer, einen Tipp betreffs berufsgerichtlicher Verfolgung der EY-Kollegen zu geben.

10.07.2020
WPK und der Fall Wirecard - Alle derselben Meinung?

Man muss dem Kammerpräsidenten der WPK, Kollegen Gerhard Ziegler, wohl ein wenig Nachhilfe i.S. Berufspolitik geben. Da wählt der Berufsstand alle vier Jahre per Listenwahl seine Vertreter in den Beirat der WPK, aus dem dann die Vorstandsmitglieder der WPK und das Präsidium rekrutiert werden. Nachdem es die Big4 in der letzten Legislaturperiode geschafft hatten, die Opposition (wp.net) unter Vorsitz des heutigen Präsidenten mundtot zu machen und von der Berufsarbeit auszuschließen, errang wp.net bei der Wahl 2018 mit 47% aller Stimmen das beste Ergebnis aller Listen.

Gleichwohl musste man in die Opposition, da die restlichen Listen - insbesondere Big4 und IDW - gegen wp.net koalierten. Widerwillig wurde wp.net bei der Vorstands- und Ausschussarbeit beteiligt - die Mehrheit haben nach wie vor die koalierenden Listen der Big4 und des IDW.

In diese vortäuschende Harmonie in den Gremien und im Berufsstand kracht jetzt der Bilanzskandal Wirecard. Wochenlanges Stillschweigen von IDW e.V. und der WPK, obwohl die Medien weltweit täglich im Stundentakt berichten, zeugen nicht von einem professionellen Krisenmanagement.

Jetzt brennt in Berlin und Düsseldorf lichterloh der Baum und die Nerven liegen blank!

In dieser Situation sind die Big4 und die Gremien der WPK und des IDW im gegenseitigen Kontroll-Wahn, denn schließlich steht die Reputation der milliardenschweren WP-Branche auf dem Spiel:

  • EY-Mitarbeiter erhalten Weisungen, was sie zu sagen haben, wenn sie von Mandanten angesprochen werden,
  • IDW und WPK stimmen offensichtlich ihre Strategie und Statements miteinander ab und
  • der WPK-Präsident verteilt schon mal Maulkörbe für Vorstandsmitglieder der Opposition.

Lesen Sie doch einmal den Präsidenten-Maulkorb im (redaktionell bearbeiteten) Original:

"Sehr geehrte.....",

mit Interesse, aber auch mit großer Verärgerung habe ich Ihr Interview ... gelesen.

Wider besseren Wissens klagen Sie Verfehlungen von EY sowie unserer gesamten Berufsaufsicht an.

Sie klagen Missstände an, die ich so nicht kenne und ich denke, dass Sie keinen tiefergehenden Kenntnisstand haben.

Ich glaube, es ist völlig unangebracht, derzeit Schuldanweisungen auf Grundlage von nicht belegten Vermutungen zu machen.

Viel wichtiger ist es nach meiner Ansicht, dass der Berufsstand einheitlich nach außen auftritt. Nichts ist derzeit schädlicher, als destruktive Kritik zu üben. Im Interesse unseres gesamten Berufsstands darf ich Sie nochmals bitten, solche Interviews zu unterlassen. Wenn wir wissen, wo Fehler gemacht wurden, sind wir gerne bereit, an der Aufarbeitung mitzuwirken und unseren Berufsstand weiter zu entwickeln.

Grundsätzlich alles schlecht zu reden, aber keine konkreten Vorschläge zur Besserung vorzubringen, halte ich für einen schlechten Stil.

Ich möchte nochmals wiederholen, dass mir an einem einheitlichen Auftreten der Kammer und an einer vertrauensvollen Zusammenarbeit im Vorstand sehr gelegen ist.

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Ziegler"

Um es deutlicher zu sagen:

Der selbstgefällige Präsident der WPK hat Vorstandsmitgliedern der berufspolitischen Opposition keinen Maulkorb zu geben! - Bundeskanzlerin Merkel verhängt auch keinen Maulkorb, selbst wenn sie i.S. Umgang mit dem Corona-Virus anderer Meinung ist!

Dies ist kein präsidiales Verhalten! Ziegler hat in der letzten Legislaturperiode schon bewiesen, dass er von demokratischen Spielregeln nichts hält und jedwede Opposition mundtot machen will.

Der Präsident sollte sich für diese (abermalige) Entgleisung entschuldigen!

   
   

09.07.2020
Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer

Da reibt man sich schon die Augen: Ein seit 9 Jahren von EY uneingeschränkt testiertes Geschäftsmodell von Wirecard mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Mrd. € fällt innerhalb weniger Wochen wie ein Kartenhaus zusammen und löst sich in Schall und Rauch auf. - Systemversagen der Finanzaufsicht sagen die einen, Unfähigkeit der Wirtschaftsprüfer sagen die anderen.

Alle stehen unter Schock und spielen ihre Rolle:

  • Politiker verlangen eine Neuordnung der Finanzaufsicht (BaFin, DPR) und schärfere gesetzliche Vorschriften,
  • IDW e.V. und Lobbyisten des Berufsstandes sprechen von nicht prüfbarer krimineller Energie der Betrüger und
  • Anlegeranwälte sammeln Mandate und hoffen auf millionenschweren Schadensersatz.

Hierzu ist zunächst einmal festzustellen, dass EY gemäß §§ 823 II BGB, 332 HGB auch Dritten gegenüber haftet. Gemäß § 323 II HGB (und den AAB des IDW e.V.) ist die Haftung jedoch auf vier Mio. € begrenzt. Eine höhere Haftung kann dispositiv mit dem Mandanten vereinbart werden, ist jedoch die Ausnahme. Lediglich dann, wenn man EY im Klagewege Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit (bedingten Vorsatz) nachweisen kann, gilt die gesetzliche Haftungsbegrenzung nicht mehr. Dies erfuhr bspw. KPMG seinerzeit im Bilanzskandal Flowtex, wo man letztlich an die geschädigten Banken 100 Mio. DM Schadensersatz zahlen musste, die durch die Wiesbadener Versicherungsstelle gezahlt wurden. Derartige Prozesse ziehen sich über Jahre hin, sofern man nicht einen "Deal" mithilfe der Vermögenschaden-Haftpflichtversicherung macht - um aus den Medien heraus zu kommen. 

Verfahren gegen die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer werden hierbei in der Regel abgetrennt bzw. gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt. Dies erfuhren die beiden verantwortlichen EY-Kollegen im Zusammenhang mit der Schlecker-Insolvenz. Deren Verfahren auf Zahlung von Schadenersatz wurden gegen Zahlung von (nur) 40 T€ bzw. 20 T€ eingestellt.

Berufsaufsichtsrechtlich und berufsgerichtlich wird gemäß §§ 67 ff. WPO lediglich das "Fehlverhalten" von natürlichen Personen im Berufsstand sanktioniert, d.h. dass EY von der WPK bzw. im Wege der Berufsgerichtsbarkeit (§§ 71a ff. WPO) nichts zu befürchten hat. Ob ein berufsgerichtliches Verfahren gegen EY eingeleitet wird, entscheidet die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) der WPK mit Mehrheit. Da es sich bei Wirecard jedoch um ein PIE-Mandat (§ 319a HGB) handelt, obliegt der Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) die letztinstanzliche Fachaufsicht. Auch hier dürfte EY nicht viel zu befürchten haben, da sich die APAS fast ausschließlich aus ehemaligen Big4-Mitarbeitern rekrutiert.

Halten wir also fest:

  • Die Haftung von EY im Falle Wirecard ist auf (lächerliche) 4 Mio.€ begrenzt.
  • Mehr Schadensersatz gibt es nur (von der Versicherung), wenn man EY nachweisen kann, dass dort grob fahrlässig geprüft wurde (mühsam, aber wohl nicht ganz aussichtslos).
  • Die "A-Karte" im Spiel haben die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer Budde, Dahmen, Treitz, Worthmann und Loetscher.

EY, IDW e.V., WPK und die gesamte WP-Branche hoffen jetzt wohl auf eine medienwirksame Inszenierung des weltweiten Betrugsfalles Wirecard mit weltweiter Suche nach untergetauchten Verantwortlichen, Aufdeckung verschwundener Milliarden und spektakulären Details. Dies lenkt so schön vom Fehlverhalten oder schlampigen Prüfen der Big4 ab. Von deren Mitverantwortung und den Sanktionen wird im Zweifel die Öffentlichkeit nichts erfahren.

Der Bilanzskandal Wirecard sollte für alle Beteiligten Anlass sein, sich der Realität zu stellen, eine ehrliche Diskussion zu führen und den Berufsstand neu auszurichten. Ansonsten ist die "Selbstverwaltung" des freien Berufs in Gefahr. - Jeder muss jetzt den Knall gehört haben!