Aktuelles

23.07.2020
Wirecard: Und jetzt noch schnell herrschende Meinung schreiben!

Seitdem die Staatsanwaltschaft München I davon ausgeht, dass bei Wirecard die Rechnungslegung bereits seit 2015 massiv gefälscht wurde und Umsätze, Ergebnisse und Treuhandguthaben aufgebläht wurden, wird es für den Shooting-Star der Branche, Ernst & Young (EY) zunehmend eng. Die Anlegeranwälte sind bereits in den Startlöchern und der ein oder andere Journalist mutmaßt, dass EY Deutschland diesen Bilanz- und Prüferskandal nicht überstehen wird. All dies erinnert irgendwie an den Fall Flowtex und die KPMG.

Obgleich sich die Politik, WPK und IDW irgendwie einig sind, dass zunächst die Ermittlungen abgewartet, keine Vorverurteilungen vorgenommen und Reform- sowie Regulierungsvorschläge warten sollten, fragt sich die Zunft doch gleich, wie man hier bereits jetzt EY zur Seite springen kann. Nicht nur die Presse wird entsprechend informiert, dass man EY eigentlich wegen der massiven Betrügereien keine großen Vorwürfe machen kann. Wohl rein zufällig erschien gestern wohl in DER BETRIEB (Nr. 29, 20.07.2020) ein Fachaufsatz von Prof. Dr. Kai-Uwe Marten (Uni Ulm):

  • "Die Prüfung von Treuhandkonten im Rahmen der Abschlussprüfung".

Bei der Lektüre des fast fünfseitigen Beitrags im Handelsblatt-Verlag beschleicht einen das Gefühl, dass hier - vom IDW lanciert - bereits zitierfähige "herrschende Meinung" verbreitet werden soll. Wer weiß, wofür es gut ist, dass man später einmal im Haftpflichtprozess einen "renommierten" Professor zitieren kann, der bestätigt, dass man EY keine Vorwürfe machen kann. Dies nennt man "herrschende Meinung auf Bestellung (on demand)". Und dies ist ethisch verwerflich!

Psst, nicht verraten, dass es hier um (verdeckte) Lobbyarbeit des Professors für eine eventuelle Haftung von EY im Falle Wirecard geht. Vielleicht bringt man sich hier aber auch bereits in Stellung, da in dem Haftpflichtprozess später doch entsprechende Gutachten beauftragt werden.

Wenn Sie bei wpwatch einmal den Suchbegriff "Prof. Marten" eingeben, erhalten Sie 71 Meldungen (!) und erfahren auch recht bald, warum der flankierende professorale Schutz für EY gerade von ihm kommt.

Oder erinnert Sie dies nicht auch an das 79-seitige Hommel-Gutachten, mit dem meine Klage gegen die WPK wegen Falschbilanzierung  abgewiesen wurde? - Und jeder wusste, dass dieses Gutachten auf Bestellung geschrieben wurde und höchst zweifelhaft war. - So ist das eben auch mit den Hochschulen, dem IDW und den Verbindungen zu den Big4! - Mein Vater sagte immer: "Eine Hand wäscht die andere!"

Man erinnere sich auch noch an die Zeit, als Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, noch Mitglied der Abschlussprüferaufsichtskommission (APAK) und in 2016 gar deren Vorsitzender war. Gemeinsam war er mit Ex-BFH-Präsident Dr. h.c. Wolfgang Spindler "ehrenamtlich" für die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) (§ 66a WPO a.F.) tätig und kassierte über Jahre hinweg hunderttausende Euro aus der vollen Kasse der WPK!

Wie geht es jetzt noch weiter mit dem flankierenden Schutz für EY und der Meinungsbildung? - Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein FAZ- Artikel von Georg Giersberg mit Bezug auf den "Experten" Prof. Marten und die Feststellung, dass EY eigentlich gar nicht soviel falsch gemacht haben kann.

Dann sind die Big4, die Presse und das Lobbyistenumfeld doch wieder in trauter Seligkeit vereint!

Zu befürchten ist jedoch, dass diese Lobbyarbeit zunehmend als "Bärendienst" entlarvt wird. Dass es solcher Kungeleien der fachlichen Eliten bedarf, zeigt doch nur, dass EY und der Lobbyverein IDW im Falle Wirecard doch einiges zu befürchten glauben!

22.07.2020
Wirecard - "Positionspapier" des IDW - Jetzt schon? und Für wen?

Das IDW ist ein eingetragener Verein, basierend auf freiwilliger Mitgliedschaft, in dem – lt. Eigenangabe des IDW – 81% der Berufsträger/innen organisiert sind. Gleichwohl ist es der Lobbyverein der Big4, der die Meinungsführerschaft über den gesamten Berufsstand innehat.

Ähnlich wie die WPK verlangte auch das IDW, nachdem die Bombe Wirecard geplatzt war, zunächst eine gründliche Analyse des Falles und Zurückhaltung bei der Diskussion von Reformvorschlägen. Man erklärte der staunenden Öffentlichkeit, dass man über keinerlei Insiderinformationen verfüge und bittet darum, von Schuldzuweisungen gegenüber EY Abstand zu nehmen.

Gleichzeitig macht das IDW aber genau das Gegenteil: Bereits im fünfseitigen Informationsschreiben vom 06.07.2020 an die Mitglieder werden umfassende Reformvorschläge diskutiert. Neunmalklug mischt man sich in die Finanzaufsicht und die Zuständigkeiten von Bundesministerien ein und verlangt für den Berufsstand schärfere und deutlich ausgedehnte Abschlussprüfungen.

Noch schlimmer ist das 14-seitige "Positionspapier" vom 15.07.2020 ("Erste Lehren aus dem Fall Wirecard") zu lesen, wo, ohne dass überhaupt eine Diskussion im Berufsstand begonnen hat, schon mal ein kompletter Reform-Fahrplan für alle relevanten Bereiche aus dem Hut gezaubert wird. Dies beginnt mit Corporate Governance, geht über Forensik, CSR-Richtlinie bis hin zur Berufs- und Finanzaufsicht. - Für jeden ist etwas dabei.

Nochmals zum Mitdenken: Der mutmaßliche Haupttäter ist noch flüchtig, die Vernehmungen der Staatsanwaltschaft München laufen auf Hochtouren, die Bundesminister haben im Finanzausschuss noch nicht einmal ausgesagt und Details aus den Wirecard-Anschlussprüfungen durch EY sowie die Sonderprüfung von KPMG sind nicht bekannt.

EY schweigt gesetzesgemäß und läßt multimedial verlauten, dass man weltweit betrogen wurde.

Als Lobbyverein will das IDW mit diesem voreiligen Schnellschuss-Papier die Meinungsführerschaft gegenüber der Politik dreist übernehmen und bereits Vorgaben für eine notwendige Weiterentwicklung  des Berufsstandes und der Finanzaufsicht machen. Dies ist unglaubwürdig, dilettantisch und durchsichtig!

Wenn dies die Meinung des Berufsstandes sein soll, dann hat man offensichtlich aus dem Wirecard-Skandal nicht viel gelernt. Es ist mehr verdeckte Leere als dass es Lehren sind!

Eine Frage hab ich noch:

Was ist eigentlich ein "IDW Positionspapier"? Wer hat dieses Papier verfasst? Selbst in den Kaffeesatz-Papieren unserer Trendwatcher weiß man, wer dieses Papier verfasst hat. Wer hat das Wirecard-Positionspapier dem IDW-Vorstand in die Feder diktiert? Oder kommt das Papier vielleicht aus dem Hause EY? 

Das Papier zeigt, dass die Befürchtungen anstehender Reformen und regulatorischer Eingriffe beim IDW (und den Big4) groß sind!

21.07.2020
Die vorgegaukelte "IT-Dominanz" des Berufsstandes geht weiter

Und wieder bin ich überwältigt von der neuen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift des Lobbyvereins: "IDW Life 07/20 - Gemeinschaft schafft Vertrauen". Thema dieser Ausgabe ist "Die Digitalisierung des Berufsstandes".

Insbesondere geht es in den Beiträgen um die IDW-Qualifikation von Berufsträgern/innen als IT-Auditor:

  • Erbringen von IT-Leistungen durch Wirtschaftsprüfer - Die normative Kraft des Faktischen (S.600 - 604),
  • IT-Auditor IDW als Experte für IT-Prüfungen (S. 605 - 607), 
  • Zusatzqualifikation IT-Auditor - Der Weg zur Anerkennung (S. 608 - 609) und zuletzt
  • Aus der Prüfungspraxis - Die Stunde des IT-Auditors (S. 610 - 612).

Über den IDW IT-Auditor hatte ich doch bei wpwatch und in meinen Newslettern bereits hinreichend geschrieben (vgl. z.B. wpwatch vom 25.09.2017 und 26.02.2018). Was hier seitens des IDW betrieben wird, ist nach wie vor Etikettenschwindel. Low-level-Kurzzeit-Seminare oder gar gekaufte Inhouse-Seminare mit 100 % Bestehensquote - all das konnte zu dieser besonderen Qualifikation führen.

Hier wird den Mandanten und der Öffentlichkeit etwas vorgegaukelt, was weder vertrauenserweckend noch glaubwürdig ist!

Wirtschaftsprüfer als "Alleskönner"? - Dieser Traum ist ja wohl (vorerst) ausgeträumt!

16.07.2020
Reaktion des manager magazin auf meine Berichterstattung über „unglaubliche Rankings“

In den Newsletter Nrn. 81 und 82 hatte ich über die fragwürdige Methode des Rankings im Berufsstand berichtet und einen anonymisierten Erfahrungsbericht eines Berufskollegen über das Ranking im mm „Deutschlands beste Wirtschaftsprüfer - Exklusivstudie“ veröffentlicht.

Das manager magazin hat auf diesen Erfahrungsbericht reagiert und möchte auf nachfolgende Punkte hingewiesen haben. Die Möglichkeit zur Stellungnahme gebe ich dem mm gerne:

  • „Zusätzlich zu der Grundvergütung für die Teilnahme am Ranking gibt es keine gesonderten Honorare an mm für die redaktionelle Erwähnung bzw. ausführliche persönliche Darstellung.
  • Es gibt weder einen Anspruch auf eine redaktionelle Erwähnung oder eine ausführliche persönliche Darstellung,
  • noch sind redaktionelle Erwähnungen oder persönliche Darstellungen durch irgendwelche zusätzlichen Honorare zu erhalten. Redaktionelle Inhalte sind beim mm nicht käuflich.“

Anmerkung:
Nach wie vor ist die Wissenschaftlichkeit derartiger Rankings - wie ausführlich berichtet - in Zweifel zu ziehen. Darüber hinaus sollte sich die Berufsaufsicht (WPK) über die Zulässigkeit solcher Rankings äußern, da bekanntlich vergleichende Werbung im Berufsstand verboten ist.

13.07.2020
Wirecard: Wer redet eigentlich mit der Presse?

Der Bilanzskandal Wirecard zeigt nicht nur ein Systemversagen der deutschen Finanzaufsicht (BaFin, DPR), sondern lässt auch in der Presse erhebliche Kritik am Berufsstand der Wirtschaftsprüfer laut werden. Dies betrifft sowohl die wirtschafts- und ordnungspolitische Funktion des Berufsstandes, dessen Aufsicht sowie Vorhaltungen über Fehler bei der Prüfungsdurchführung durch EY.

Schaut man sich die täglichen Pressemeldungen und die immer wieder neuen Details zum Fall Wirecard genauer an, so stellt sich sehr schnell die Frage, wer sich aus dem Berufsstand - in wessen Auftrag oder Legitimation auch immer - gegenüber der Presse äußert:

  • Prof. h.c. Naumann, CEO des Lobbyvereins der Big4 IDW e.V., äußert sich am häufigsten. Ein seitenlanges Statement gegenüber den Vereinsmitgliedern und Interviews  in Presse, Funk & Fernsehen sind für ihn offensichtlich selbstverständlich. Man hat geradezu den Eindruck, dass sich hier der Pressesprecher des gesamten Berufsstands äußert, der in dieser Rolle auch legitimiert sei. 
  • Die Berufskammer WPK bringt es auf schlappe eineinhalb Seiten Pressemeldung und der Präsident verteilt lieber Maulkörbe an Vorstandsmitglieder. - Auch wenn diese - ebenso wie das IDW - einer Berufsvereinigung (wp.net) vorstehen.
  • Dann gibt es noch Geschäftsführer großer WPGs außerhalb der Big4 (Warth & Klein, Mazars), die (mit Einverständnis der Big4 und des IDW) Presseanfragen beantworten und sich in Interviews gegenüber der Presse bereitwillig - und auch kritisch - in der Causa Wirecard einlassen.

Insgesamt muss in der Presse und in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, als sei Prof. h.c. Naumann als Lobbyist der Big4 (und Chef-Theoretiker) der wichtigste Mann im Berufsstand. Hier kocht offensichtlich der Chef selbst und hier liegt die Meinungsführerschaft. Einen offiziellen Pressesprecher gibt es beim IDW nicht. Auch nicht bei der WPK. Dort wählt Präsident Ziegler nach langen Wochen des Schweigens wohldosiert - abgestimmt mit dem IDW - karge und nichtssagende Worte.

Es gilt: Nur nichts kritisches über EY oder die Big4 sagen. Schließlich hängen millionenschwere Mitgliedsbeiträge und Zuwendungen daran.

Während die WPK den Standpunkt vertritt: "Erst aufarbeiten, dann Maßnahmen diskutieren", steckt Prof. h.c. Naumann bereits halsüber in einer Wünsch-Dir-Was-Reform der Finanzaufsicht und gesetzlichen Ausweitung der Abschlussprüfung. Er macht als Lobbyist schon mal ungefragt tiefgreifende Vorschläge an den Gesetzgeber, als ginge es um seinen Job! In der FAZ ist von Georg Giersberg zu lesen:

  • Noch diese Woche wird das IDW ein Positionspapier verabschieden, das die Diskussion um Verbesserungen der Wirtschaftsprüfung und der Aufsicht anregen soll. Es geht um konkrete Vorschläge zu den Bereichen Unternehmensführung (Corporate Governance), Abschlussprüfung, Aufsicht (der Wirtschaftsprüfer) und um die Wahrnehmung und Verarbeitung von Unternehmensnachrichten durch den Kapitalmarkt.

Also noch einmal zum Mitdenken:

  • Alle Wirtschaftsprüfer/innen und Organmitglieder des Berufsstandes sollen die Klappe halten und die Einheit und Geschlossenheit des Berufsstandes nach außen demonstrieren.
  • Wir sollen alle erst einmal - auf dringende Empfehlung vom WPK und IDW - eine (jahrelange) Analyse und Aufarbeitung des Wirecard-Skandal abwarten und
  • der hochbezahlte Cheflobbyist der Big4 hat absolut freien Lauf, dem Gesetzgeber (BMWi) - wie auch schon bei vorherigen Gesetzesreformen - bereits jetzt die notwendigen Reformschritte ins Gebetbuch zu schreiben.

Man weiß noch nichts, produziert aber die passende Reform binnen weniger Tagen, um die Politik in die richtige Richtung zu lenken und das milliardenschwere (gescheiterte) Geschäftsmodell der Big4 zu retten.

Eine Frage hab ich noch:

Wie lange lässt der Berufsstand sich solche Verdummung und Bevormundung noch gefallen? Wer gibt Prof. h.c. Naumann die Legitimation, als die (einzige) Stimme des Berufsstandes aufzutreten? Hat das IDW trotz Corona-Pandemie und unzulänglicher Transformation der ISA nichts wichtigeres zu tun?

Und die WPK schaut gebannt zu.

13.07.2020
Der Berufsstand sei gewarnt

Der Berufsstand sei ausdrücklich gewarnt, jetzt die Nummer mit dem "weltweiten Betrug" weiter zu hypen, um dadurch von seinen prüfungstechnischen - und prüfungsmethodischen - Fehlern abzulenken. Man kann es auch noch so oft in der Presse wiederholen, es wird dadurch nicht wahrer. Jeder "Experte", der etwas vom Wirtschaftlichen Prüfungswesen versteht, weiß (schon jetzt!), dass die bei Wirecard durchgeführten Abschlussprüfungen der Jahre 2015 bis 2018 offensichtlich nicht den gesetzlichen Anforderungen und fachlichen Standards entsprochen haben und die uneingeschränkten Testate so nicht hätten erteilt werden dürfen.

Diese Aussage kann aufgrund der bereits vorliegenden Fakten heute schon - auch öffentlich - geäußert werden.

EY kann sich hier nicht aus der Verantwortung ziehen und die Aufmerksamkeit nur auf eine mediengeile Aufarbeitung spektakulärer Betrügereien, weltweiter Verfolgungsjagden, ominöser Mitwirkung von Geheimdiensten und untergetauchter Treuhänder lenken.

Die Big4 haben in der Vergangenheit zu oft die Verschwiegenheits-Karte gespielt: Wir arbeiten alles verantwortungsvoll auf, dürfen jedoch wegen der berufsmäßigen Verschwiegenheit nicht darüber berichten. Und so wird auch niemand erfahren, was bei uns schiefgelaufen ist und was wir daraus für Lehren gezogen haben. - Diese Nummer glaubt bald keiner mehr!

Fehler einzugestehen bedeutet keinen Gesichtsverlust. Auch nicht für Wirtschaftsprüfer! Sie werden eher glaubwürdiger und müssen die Lehren, die sie aus Fehlverhalten gezogen haben, nur besser kommunizieren.

Wie heißt es doch: Jeder kehre erst einmal vor der eigenen Türe!

13.07.2020
Wirecard: Richtigstellung zur Rolle der APAS

Die Geschäftsführung der WPK hat mich gebeten, meine wpwatch-Meldung vom 09.07.2020:

  • "Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer"  

zu korrigieren.

Richtig ist: Da es sich bei Wirecard um ein DAX-Mandat handelt, d.h. ein sog. § 319a HGB-Mandat vorliegt, entscheidet allein die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) über die Einleitung berufsgerichtlicher Maßnahmen gegen die verantwortlichen EY-Kollegen und nicht - wie berichtet - die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) bei der WPK.

Sorry, hätte nicht passieren dürfen.

Da sich die APAS fast ausschließlich aus Ex-Big4-Mitarbeitern rekrutiert (Alumni-Netzwerk und gleiche Pensionskasse), fällt es nicht schwer, einen Tipp betreffs berufsgerichtlicher Verfolgung der EY-Kollegen zu geben.

10.07.2020
WPK und der Fall Wirecard - Alle derselben Meinung?

Man muss dem Kammerpräsidenten der WPK, Kollegen Gerhard Ziegler, wohl ein wenig Nachhilfe i.S. Berufspolitik geben. Da wählt der Berufsstand alle vier Jahre per Listenwahl seine Vertreter in den Beirat der WPK, aus dem dann die Vorstandsmitglieder der WPK und das Präsidium rekrutiert werden. Nachdem es die Big4 in der letzten Legislaturperiode geschafft hatten, die Opposition (wp.net) unter Vorsitz des heutigen Präsidenten mundtot zu machen und von der Berufsarbeit auszuschließen, errang wp.net bei der Wahl 2018 mit 47% aller Stimmen das beste Ergebnis aller Listen.

Gleichwohl musste man in die Opposition, da die restlichen Listen - insbesondere Big4 und IDW - gegen wp.net koalierten. Widerwillig wurde wp.net bei der Vorstands- und Ausschussarbeit beteiligt - die Mehrheit haben nach wie vor die koalierenden Listen der Big4 und des IDW.

In diese vortäuschende Harmonie in den Gremien und im Berufsstand kracht jetzt der Bilanzskandal Wirecard. Wochenlanges Stillschweigen von IDW e.V. und der WPK, obwohl die Medien weltweit täglich im Stundentakt berichten, zeugen nicht von einem professionellen Krisenmanagement.

Jetzt brennt in Berlin und Düsseldorf lichterloh der Baum und die Nerven liegen blank!

In dieser Situation sind die Big4 und die Gremien der WPK und des IDW im gegenseitigen Kontroll-Wahn, denn schließlich steht die Reputation der milliardenschweren WP-Branche auf dem Spiel:

  • EY-Mitarbeiter erhalten Weisungen, was sie zu sagen haben, wenn sie von Mandanten angesprochen werden,
  • IDW und WPK stimmen offensichtlich ihre Strategie und Statements miteinander ab und
  • der WPK-Präsident verteilt schon mal Maulkörbe für Vorstandsmitglieder der Opposition.

Lesen Sie doch einmal den Präsidenten-Maulkorb im (redaktionell bearbeiteten) Original:

"Sehr geehrte.....",

mit Interesse, aber auch mit großer Verärgerung habe ich Ihr Interview ... gelesen.

Wider besseren Wissens klagen Sie Verfehlungen von EY sowie unserer gesamten Berufsaufsicht an.

Sie klagen Missstände an, die ich so nicht kenne und ich denke, dass Sie keinen tiefergehenden Kenntnisstand haben.

Ich glaube, es ist völlig unangebracht, derzeit Schuldanweisungen auf Grundlage von nicht belegten Vermutungen zu machen.

Viel wichtiger ist es nach meiner Ansicht, dass der Berufsstand einheitlich nach außen auftritt. Nichts ist derzeit schädlicher, als destruktive Kritik zu üben. Im Interesse unseres gesamten Berufsstands darf ich Sie nochmals bitten, solche Interviews zu unterlassen. Wenn wir wissen, wo Fehler gemacht wurden, sind wir gerne bereit, an der Aufarbeitung mitzuwirken und unseren Berufsstand weiter zu entwickeln.

Grundsätzlich alles schlecht zu reden, aber keine konkreten Vorschläge zur Besserung vorzubringen, halte ich für einen schlechten Stil.

Ich möchte nochmals wiederholen, dass mir an einem einheitlichen Auftreten der Kammer und an einer vertrauensvollen Zusammenarbeit im Vorstand sehr gelegen ist.

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Ziegler"

Um es deutlicher zu sagen:

Der selbstgefällige Präsident der WPK hat Vorstandsmitgliedern der berufspolitischen Opposition keinen Maulkorb zu geben! - Bundeskanzlerin Merkel verhängt auch keinen Maulkorb, selbst wenn sie i.S. Umgang mit dem Corona-Virus anderer Meinung ist!

Dies ist kein präsidiales Verhalten! Ziegler hat in der letzten Legislaturperiode schon bewiesen, dass er von demokratischen Spielregeln nichts hält und jedwede Opposition mundtot machen will.

Der Präsident sollte sich für diese (abermalige) Entgleisung entschuldigen!

   
   

10.07.2020
IDW e.V., WPK und der Suchbegriff "Wirecard"

Es ist schon unglaublich! - Ein milliardenschwerer Bilanzskandal erschüttert den Wirtschaftsstandort Deutschland und deutet auf ein kollektives Versagen der Finanzaufsicht und der Wirtschaftsprüfer hin. Und die interessierte Öffentlichkeit fragt sich, wie sich der Berufsstand zu diesen Vorhaltungen positioniert.

Also gebe ich bei www.idw.de und www.wpk.de der Suchbegriff "Wirecard" ein und bin gespannt, welche Dokumente mir angezeigt werden.

Ergebnis:

  • Der Lobbyverein IDW e.V. kennt den Suchbegriff "Wirecard" überhaupt nicht! - War da vielleicht etwas? - Selbst im exklusiven Mitgliederbereich "Mein IDW" erscheinen keine Ergebnisse bei Eingabe dieses Suchbegriffs. Selbst der "Presseraum" für Journalisten  ist leer. - "Man erwartet dort aber gerne Ihren Anruf."
  • Am Abend des 06.07.2020 versendete das "IDW-Infocenter" ein fünfseitiges Statement zum Falle Wirecard (exklusiv nur) an die Mitglieder des IDW-Vereins. In der Fußnote dieses Dokuments verweist man direkt auf die weltweiten speziellen Copyright-Regeln des IDW: "Die Texte auf den IDW Webseiten unterliegen weltweitem Urheberrecht. Unerlaubte Verwendung, Reproduktion oder Weitergabe einzelner Inhalte oder kompletter Seiten werden sowohl straf- als auch zivilrechtlich verfolgt."
  • Die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) hat (seit vorgestern) immerhin einen Verweis auf eine Pressemitteilung des Kammerpräsidenten vom 07.07.2020.

Jetzt werde ich nachdenklich und frage mich, wie Krisen-Kommunikation des Berufsstands in unserer medialen Welt funktioniert? Welche Inhalte werden den Mitgliedern und der Öffentlichkeit mitgeteilt?

Kammerpräsident Ziegler bringt´s kurz und knapp auf 2 Seiten: "Erst aufarbeiten, dann Maßnahmen diskutieren". Hört sich an wie

  • erst denken, dann reden oder
  • mein Name ist Hase ...oder
  • solange diskutieren und Nebelkerzen werfen, bis es keinen mehr interessiert. Aber bitte erst diskutieren, wenn (in fünf Jahren) alle Fakten auf dem Tisch liegen!? ...

Schwerer tut sich schon der CEO des Lobbyvereins Prof. h.c. Naumann:

Auf 5 Seiten erfahren die Vereinmitglieder (und nur diese):

  • das IDW hat keine Insiderinformationen,
  • der Fall muss erst einmal (wohl jahrelang) analysiert werden,
  • es gab Mängel in der Corporate Governance (Naumann sitzt zufällig in der Regierungskommission),
  • EY hat doch eigentlich den umfassenden weltweiten Betrug erst aufgedeckt!? (wer´s denn glaubt...)
  • die APAS wird - "wenn notwendig" - Fehlverhalten sanktionieren,
  • das IDW hat schon immer eine Ausweitung der Abschlussprüfung um die Prüfung der Nachhaltigkeitsberichterstattung gefordert.

Klingt doch irgendwie ähnlich - oder?

Frage ist nur, wer hier wem das Statement diktiert hat: Die Kammer (Berufsaufsicht) dem Lobbyverein? - oder - der Lobbyverein IDW der WPK (KdöR). - Wohl eher Letzteres!!!

Und jetzt mal Klartext:

Dies hat mit erforderlicher zeitgemäßer Krisen-Kommunikation und einem verantwortlichen Umgang des Berufsstands mit solch einem "Super-Gau" nichts zu tun. Der Berufsstand trägt wieder einmal - wie in einer Fronleichnahms-Prozession - seine Verschwiegenheit und das Berufssiegel durchs Dorf und ist von sich selbst beeindruckt!

Kammerpräsident und Lobby-Vereins-CEO hätten auch sagen können: Klappe halten, intern aufarbeiten und verschweigen und die Big4 bitte nicht in ihrem ausuferndem milliardenschweren Geschäftsmodell stören oder regulieren.

Der Berufsstand hat damit jedoch seine gesetzliche systemrelevante Rolle in der Wirtschaftsordnung und damit das Recht auf Selbstverwaltung verloren.

Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus!

09.07.2020
Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer

Da reibt man sich schon die Augen: Ein seit 9 Jahren von EY uneingeschränkt testiertes Geschäftsmodell von Wirecard mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Mrd. € fällt innerhalb weniger Wochen wie ein Kartenhaus zusammen und löst sich in Schall und Rauch auf. - Systemversagen der Finanzaufsicht sagen die einen, Unfähigkeit der Wirtschaftsprüfer sagen die anderen.

Alle stehen unter Schock und spielen ihre Rolle:

  • Politiker verlangen eine Neuordnung der Finanzaufsicht (BaFin, DPR) und schärfere gesetzliche Vorschriften,
  • IDW e.V. und Lobbyisten des Berufsstandes sprechen von nicht prüfbarer krimineller Energie der Betrüger und
  • Anlegeranwälte sammeln Mandate und hoffen auf millionenschweren Schadensersatz.

Hierzu ist zunächst einmal festzustellen, dass EY gemäß §§ 823 II BGB, 332 HGB auch Dritten gegenüber haftet. Gemäß § 323 II HGB (und den AAB des IDW e.V.) ist die Haftung jedoch auf vier Mio. € begrenzt. Eine höhere Haftung kann dispositiv mit dem Mandanten vereinbart werden, ist jedoch die Ausnahme. Lediglich dann, wenn man EY im Klagewege Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit (bedingten Vorsatz) nachweisen kann, gilt die gesetzliche Haftungsbegrenzung nicht mehr. Dies erfuhr bspw. KPMG seinerzeit im Bilanzskandal Flowtex, wo man letztlich an die geschädigten Banken 100 Mio. DM Schadensersatz zahlen musste, die durch die Wiesbadener Versicherungsstelle gezahlt wurden. Derartige Prozesse ziehen sich über Jahre hin, sofern man nicht einen "Deal" mithilfe der Vermögenschaden-Haftpflichtversicherung macht - um aus den Medien heraus zu kommen. 

Verfahren gegen die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer werden hierbei in der Regel abgetrennt bzw. gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt. Dies erfuhren die beiden verantwortlichen EY-Kollegen im Zusammenhang mit der Schlecker-Insolvenz. Deren Verfahren auf Zahlung von Schadenersatz wurden gegen Zahlung von (nur) 40 T€ bzw. 20 T€ eingestellt.

Berufsaufsichtsrechtlich und berufsgerichtlich wird gemäß §§ 67 ff. WPO lediglich das "Fehlverhalten" von natürlichen Personen im Berufsstand sanktioniert, d.h. dass EY von der WPK bzw. im Wege der Berufsgerichtsbarkeit (§§ 71a ff. WPO) nichts zu befürchten hat. Ob ein berufsgerichtliches Verfahren gegen EY eingeleitet wird, entscheidet die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) der WPK mit Mehrheit. Da es sich bei Wirecard jedoch um ein PIE-Mandat (§ 319a HGB) handelt, obliegt der Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) die letztinstanzliche Fachaufsicht. Auch hier dürfte EY nicht viel zu befürchten haben, da sich die APAS fast ausschließlich aus ehemaligen Big4-Mitarbeitern rekrutiert.

Halten wir also fest:

  • Die Haftung von EY im Falle Wirecard ist auf (lächerliche) 4 Mio.€ begrenzt.
  • Mehr Schadensersatz gibt es nur (von der Versicherung), wenn man EY nachweisen kann, dass dort grob fahrlässig geprüft wurde (mühsam, aber wohl nicht ganz aussichtslos).
  • Die "A-Karte" im Spiel haben die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer Budde, Dahmen, Treitz, Worthmann und Loetscher.

EY, IDW e.V., WPK und die gesamte WP-Branche hoffen jetzt wohl auf eine medienwirksame Inszenierung des weltweiten Betrugsfalles Wirecard mit weltweiter Suche nach untergetauchten Verantwortlichen, Aufdeckung verschwundener Milliarden und spektakulären Details. Dies lenkt so schön vom Fehlverhalten oder schlampigen Prüfen der Big4 ab. Von deren Mitverantwortung und den Sanktionen wird im Zweifel die Öffentlichkeit nichts erfahren.

Der Bilanzskandal Wirecard sollte für alle Beteiligten Anlass sein, sich der Realität zu stellen, eine ehrliche Diskussion zu führen und den Berufsstand neu auszurichten. Ansonsten ist die "Selbstverwaltung" des freien Berufs in Gefahr. - Jeder muss jetzt den Knall gehört haben!