Aktuelles

12.05.2021
EY-Kollege Christian Muth zeigt Mut!

Im Gegensatz zu bisherigen ausschweifenden Aussagen zum Prüfungsgeschehen bei WIRECARD kam Kollege Muth relativ schnell auf den Punkt:

  • Der Wirecard-Vorstand habe die Untersuchungen massiv behindert und nicht alle Unterlagen vollumfänglich ausgehändigt.
  • Ex-CFO Burkhard Ley soll diverse Änderungswünsche zum Projektbericht geäußert haben.
  • Ley verlangte expressis verbis, dass man in den Untersuchungsbericht folgendes hineinschreibt: "kein einziger der gemachten Vorwürfe konnten durch die Analyse bestätigt wurden." (Muth sagte, dass er "ausgerastet" sei, als er diese Email von Ley gelesen hatte).
  • Muth berichtete dem PUA ebenfalls über weitere "red flags", die sein Team feststellten.

Muth berichtete, dass er seinen Unmut bei den EY-Prüfern und bei den "notwendigen und vorgesehenen Stellen im Hause EY" mitgeteilt habe.

Auf die Frage, wie seine Kollegen aus dem Wirecard-Prüfungsteam damit umgegangen seien und ob man - nach seiner Einschätzung - eigentlich noch uneingeschränkt hätte testieren dürfen, verweigerte Muth dann doch seine Aussage. Na, bis dahin hat Kollege Muth doch bereits viel Mut bewiesen!

Noch ein Hinweis:

Die den Verantwortlichen von Wirecard vorgeworfenen Betrügerein drehen sich insbesondere um das "Third Party-Geschäft" in Asien und die (Nicht)Existenz liquider Mittel auf Treuhandkonten in Milliardenhöhe. Kollege Christian Muth veröffentlichte bereits 2014 im Erich Schmidt Verlag zu: "Third Party Due Dilligence - Hintergrundrecherchen und der "need to know". - Sicherlich lesenswert - auch nicht nur für Forensiker!

12.05.2021
EY zahlt 12 Mio.€

Einer der Hauptakteure der illegalen CUM-EX-Steuerbetrügereien ("Bandenkriminalität") in den Jahren 2006 bis 2010 war die Frankfurter Maple Bank, die es alleine auf eine Schadenshöhe von 383 Mio.€ schaffte und 2016 in die Insolvenz ging. Der Insolvenzverwalter verklagte die seinerzeitigen EY-Berater auf 195 Mio.€ Schadenersatz. Ein für heute beim LG Stuttgart angesetzter Verhandlungstermin wurde wegen außergerichtlicher Einigung kurzfristig abgesagt.

Insolvenzverwalter Michael Frege wirft in der Klage den EY-Beratern vor, die Finanzverwaltung irreführend über den Sinn und Zweck der Cum-Ex-Geschäfte informiert zu haben, die bei der Maple Bank liefen. Außerdem habe EY offenbar positive Prüfbescheide für die Jahresabschlüsse der Maple Bank ausgestellt und bei der Erstellung und Abgabe falscher Steuererklärungen geholfen. EY betonte immer wieder, dass man in der Causa unschuldig sei.

Offensichtlich wollte der Insolvenzverwalter sich nicht auf jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen mit EY einlassen und verzichtete auf einen Großteil des im Klageweges geltend gemachten Schadenersatzes. Gezahlt wurde ohne Anerkennung einer Rechtspflicht und unter Wahrung der Verschwiegenheit.

Zur besseren Veranschaulichung:

Für diesen Betrag von 12 Mio. € müssen EY-Mitarbeiter bei einem Stunden-Verrechnungssatz von 100 €/Std. insgesamt 120.000 Std. Häkchen machen. Auf eine Person umgerechnet ist dies ein komplettes Arbeitsleben von über 40 Jahren.

Wie wpwatch berichtete, erwischte es auch die Star-Anwälte der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer, die sich in diesem "Fall mutmaßlich schwerer Steuerhinterziehung" bereits vorher mit dem Insolvenzverwalter auf eine "freiwillige" Zahlung in Höhe von 50 Mio. € einigten. Dem Superstar von Freshfields (Dr. Ulf Johannemann) bescherte das seinerzeit auch den Rauswurf und eine medienwirksame Inhaftierung.

09.04.2021
Die Rödls können es einfach - oder auch nicht!

Gestern noch hieß es im wpwatch-Newsletter Nr. 87, dass der "Wambach-Bericht" fast fertig sei, es mit den EY-Anwälten noch Zoff über die Veröffentlichung von geheimen Anlagen gäbe und der "Sonderermittler-Bericht" dann für die Öffentlichkeit zugänglich sei.

Ich hatte bereits zuvor Zweifel an der Unabhängigkeit der vier Rödl-Sonderermittler geäußert (Nr. 86, Pkt.2) und meine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Sonderermittler Zehntausende von (elektronischen) Dokumenten in nur zwei Monaten gesichtet und ausgewertet haben können um festzustellen, dass die Abschlussprüfungen von WIRECARD 2014 - 2019 den "Grundsätzen ordnungsmäßiger Abschlussprüfung" (GoA) entsprechen.

Es ist jedoch noch brisanter:

Aus dem Kreis des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) korrigierte man mich gestern und teile mit, dass Rödl nicht am 03.02., sondern erst am 03.03.2021 auf Vorschlag der CDU/CSU zum "Sonderermittler" gewählt wurde. Dies bedeutet konkret, dass

  • die vier Sonderermittler von Rödel behaupten, in nur vier Wochen Zehntausende Dokumente gesichtet und ausgewertet zu haben,
  • die Einhaltung Dutzender von Prüfungsstandards des Lobbyvereins IDW (IDW PS) bestätigen können und
  • unterlassene Prüfungshandlungen, Auslegungsspielräume bei der Beurteilung von Prüfungsfeststellungen sowie falsche Anweisungen verantwortlicher Prüfer, Qualitätskontrolleure und elektronischer Tools beurteilen konnten.

Und all dies in Zeiten des Homeoffice (Remote Audit), wo das IDW selbst in seinen "fachlichen Hinweisen" davon ausgeht, dass Prüfungshandlung grundsätzlich in Corona-Zeiten länger dauern.

Rödl müsste ebenfalls die Aussagen der EY-Führungsriege (Dr. Christian Orth & Hubert Barth) in den beiden Terminen des PUA ausgewertet haben. Alleine die Auswertung des 166-seitigen stenografischen Protokolls vom 19.03.2021 ist eine besondere Herausforderung, da viele Aussagen - insbesondere vom obersten Qualitätssicherer Dr. Orth - zweifelhaft sind und hätten weiter hinterfragt werden müssen.

Rödl sollte sich der Berufsgrundsätze des Berufsstandes (§§ 43 WPO) besinnen, insbesondere der Gewissenhaftigkeit, Unabhängigkeit und Eigenverantwortlichkeit.

Wer tatsächlich glaubt, dass diese vier Sonderermittler von Rödl nach nur vier Wochen abschließende Feststellungen zum spektakulärsten milliardenschweren Bilanzskandal der Nachkriegszeit treffen können, glaubt wohl auch an den Osterhasen!

18.03.2021
PwC macht sich zur Lachnummer

Die Big4, allen voraun der deutsche Marktführer PwC, klären - unter Anleitung des Lobbyvereins IDW - seit Jahren Politik und Öffentlichkeit darüber auf, dass es bei der Prüfung von Unternehmen auch darum geht, sich über die Wirksamkeit des Compliance-Systems in Kenntnis zu setzen. Wie laufen die Entscheidungsprozesse ab und wie effektiv ist das Interne Kontroillsystem?

Nachdem der Berufsstand seit Monaten wegen dem milliardenschweren Bilanzskandal WIRECARD ins Gerede gekommen ist und enorm an Reputation verloren hat, sollte man annehmen, dass die Big4 selbst bei ihrer Auftragsabwicklung ein Musterbeispiel für ein funktionierendes Compliance-System sind. Dies betrifft insbesondere Fragen des Berufsrechts, also des Selbstprüfungsverbots und der Unabhängigkeit.

PwC prüft seit 2013 bereits den ostwestfälischen Modekonzern Gerry Weber, der erst Anfang vergangenen Jahres ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beendet hat und nun mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen hat. Im Oktober 2020 kehrte der Konzern an den Kapitalmarkt zurück. PwC engagierte sich bei der lukrativen (Finanzierungs)Beratung übermäßig und startete auch voller Elan mit der Jahres- und Konzernabschlussprüfung 2019/2020. Die geprüften Abschlüsse sollten am 30.03.2021 vorliegen.

Jetzt halten Sie sich fest:

PwC informierte am 16.03.2021, also zwei Wochen vor Abgabe der testierten Berichte, den Vorstand darüber, dass

  • "aus Sicht von PwC die Besorgnis der Befangeheit gemäß § 319 II HGB besteht und man die Prüfungen daher nicht durchführen kann!"

PwC hat kurz vor Ende der Prüfung festgestellt, dass man mehr als 70% des Prüfungshonorars als Beratungsleistungen liquidiert hat und deshalb der Ausschließungstatbestand gemäß § 319a I HGB greift. Dies gilt bereits mit Umsetzung des AReG ab 2016. Nachzulesen u.a. im IDW RS HFA 36 der seinerzeit unter Vorsitz von PwC im HFA verabschiedet wurde. Würde PwC hier testieren, so wäre der testierte Jahresabschluss nichtig.

Wie geht es jetzt weiter:

Der Vorstand der Gerry Weber International AG muss bei Gericht jetzt einen Antrag auf Bestellung eines Ersatzprüfers stellen (§ 318 III HGB). PwC wird  sicherlich kein Prüfungshonorar mehr sehen, sondern sich vielmehr mit Schadenersatzansprüchen in Millionenhöhe konfrontiert sehen. Einen neuen Abschlussprüfer wird man auf die Schnelle wohl kaum finden, was bedeutet, dass alle gesetzlichen Fristen (mit allen Konsequenzen) um Monate gerissen werden.

Da die Big4 die Meinungshoheit in der Presse über ihre Berichterstattung haben, werden Sie wohl kaum etwas in den Gazetten hierüber lesen können. Bei genauerer Betrachtung ist dies ein Armutszeugnis der Big4, da hier klar wird, dass das Prüfungsgeschäft nur noch "Türöffnergeschäft" für lukrative Beratungsaufträge ist. Es ist ja wohl ein absoluter Witz, dass der Markführer der Branche erst nach Monaten bei einer Abschlussprüfung merkt, dass er als Abschlussprüfer garnicht mehr tätig werden darf!? 

So macht man sich zur Lachnummer. Man hat sich offensichtlich im Hause PwC schwindelig beraten und hierbei den Überblick verloren! Dass man jetzt dem Aufsichtsrat von Gerry Weber eine (Mit)Schuld in die Schuhe schieben will ist ja wohl eine Frechheit sondergleichen!

Für Kollegen Carsten Schürmann, den Leiter des PwC Büros in Gütersloh und verantwortlichen Wirtschaftsprüfer bei Gerry Weber, heißt es jetzt sicherlich: "Helm ab zum Gebet!" 

Für PwC wird dies hoffentlich ein Fall für die Berufsaufsicht (APAS & WPK) werden. Aber da sich die Big4 ja bekanntlich selbst beaufsichtigen, werden Sie in dieser Sache aus Berlin wohl NICHTS mehr hören.

07.09.2020
Wirecard - KPMG als lachender Dritter?

Das Wirecard-Desaster trifft die Reputation des gesamten Berufsstandes. Durch die skandalöse Prüfung von EY wurde viel Vertrauen verspielt.

EY sieht sich einer gewaltigen Klagewelle gegenüber, die den "Shooting-Star der letzten Jahre" unter den Big4 noch jahrelang beschäftigen wird - Ausgang offen!

Zur Zeit herrscht blanker Aktionismus:

  • Bundesjustizministerin Lambrecht (SPD, BMJV) kündigte noch für September 2020 einen "Gesetzesentwurf" an,
  • Finanzminister Olaf Scholz (SPD, BMF) drängt auf Eile, bevor der "Änderungsdruck" nachlässt - er möchte nächstes Jahr Bundeskanzler werden und
  • das BMWi (Peter Altmeier, CDU) sieht die Hauptverantwortung bei der Finanzaufsicht, kündigt jedoch auch schon mal vorsorglich strengere gesetzliche Vorschriften zur Prüferaufsicht an.
  • Das IDW verteilt schon mal fertige Reformpakete (Positionspapiere) und glaubt (immer noch) daran, dass man der einzig relevante Gesprächspartner aus dem Berufsstand sei. Die Lobbyisten laufen sich schon mal die Hacken wund und versuchen, Schlimmeres für das Geschäftsmodell der Big4 zu verhindern.

Die Fondstochter der Deutsche Bank AG (DWS) hat sich bereits - wie auch die Commerzbank AG - gegen EY als künftigen Abschlussprüfer entschieden. Aus gut informierten Kreisen hört man, dass nicht nur das DWS-Mandat, sondern auch das Commerzbank-Prüfungsmandat an KPMG gehen.

So ist dies eben:

Bei nur 4 Branchenplayern im WP-Oligopol ist die Auswahl begrenzt. KPMG, bisher größter Verlierer der gesetzlich festgeschriebenen externen Prüferrotation, ist (momentan) der Lachende Dritte.

Zu hoffen bleibt nur, dass man beim Ringtausch der Mandate unter den Big4 nicht vom Regen in die Traufe kommt.

03.09.2020
Commerzbank wechselt wegen Wirecard den Abschlussprüfer

In seiner gestrigen Sitzung hat der Aufsichtsrat der Commerzbank AG beschlossen, der Hauptversammlung 2021 einen Wechsel des bisherigen Abschlussprüfers EY für das Geschäftsjahr 2022 vorzuschlagen. EY hatte erst 2018 PwC bei der Commerzbank als Prüfer abgelöst. 

Der Wechsel wurde vorsorglich beschlossen, um mögliche Interessenskonflikte zu vermeiden. Die Commerzbank erwägt, wegen des Wirecard-Skandals Klage gegen EY einzureichen, da man einen Kredit an Wirecard in Höhe von 175 Mio. € abschreiben muss und EY hier in der Haftung sieht.

Auch andere Großbanken haben wegen der Wirecard-Pleite erhöhten Abschreibungsbedarf:

  • LBBW schreibt 160 Mio. € ab. Abschlussprüfer ist Deloitte
  • ING muss 200 Mio. € abschreiben. Prüfer ist hier KPMG.

Ob dies das Ende der Mandatsverluste für EY wegen des Wirecard-Bilanzskandals ist, bleibt offen. In der Politik wird auch über DAX30-Mandate wie VW und Telekom spekuliert, da dort der Bund erheblichen Anteilsbesitz hat.

02.09.2020
EY bekommt bereits den Vertrauensverlust zu spüren

Der Wirecard-Skandal zeigt erste Auswirkungen bei der weiteren Mandatierung von EY als Abschlussprüfer:

  • Der Aufsichtsrat der Deutsche-Bank-Tochter DWS hat sich gegen einen Wechsel seines Prüfungsmandats von KPMG zu EY entschieden. 
  • Die Deutsche Bank will hingegen an EY als Abschlussprüfer festhalten.
  • Der Aufsichtsrat der Commerzbank AG wird sich am heutigen Tage mit der Frage beschäftigen, ob man der HV 2021 einen Wechsel des derzeitigen Abschlussprüfers EY vorschlagen wird.

Die Gründe hierfür sind nachvollziehbar,

  • zählte DWS doch zeitweise zu den größten Wirecard-Aktionären und hatte viel Geld ihrer Anleger bei dem Aschheimer Betrugsunternehmen investiert. Außerdem überlegt DWS rechtliche Schritte gegen Wirecard, andere Personen und ggfs. auch gegen EY.
  • Die Commerzbank AG musste wegen der Wirecard-Pleite einen ausgereichten Kredit in Höhe von 175 Mio. € abschreiben und überlegt ebenfalls rechtliche Schritte.
  • Die Deutsche Bank AG wählte EY bereits im Mai 2020 zum Abschlussprüfer für das Geschäftsjahr 2020.

01.09.2020
EY bereitet sich auf eine Prozesslawine vor

Nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens in der letzten Woche und Bestellung von Dr. Michael Jaffé zum Insolvenzverwalter von Wirecard formieren sich nun die Fronten. 

EY musste zuletzt viel Kritik einstecken, hatte man doch als langjähriger Abschlussprüfer die millionenschweren Luftbuchungen nicht bemerkt.

Schwerwiegende Schadenersatzklagen von Investoren und Fremdkapitalgebern werden ebenso wie Klagen von Anlegeranwälten massiv auf EY zurollen. Der Schaden der kreditgebenden Banken und Investoren wird mittlerweile vom Insolvenzverwalter auf 3,2 Milliarden € beziffert.

Wie das Fachmagazin JUVE mitteilte, hat EY jetzt sein Verteidigerteam vorgestellt:

  • Wirsing Hass Zoller (München): Dr. Michael Zoller; Associates: Yvonne Green, Frank Wegmann (alle Bank- und Kapitalmarktrecht)
  • Knierim & Kollegen (Mainz): Thomas Knierim, Dr. Christian Rathgeber, Dr. Manuel Lorenz, Dr. Anna Oehmichen, Simone Breit (alle Wirtschaftsstrafrecht) - berufsrechtliche Vertretung - und
  • Allen & Overy: Dr. Marc Zimmerling (Konfliktlösung; Frankfurt), Dr. Astrid Krüger (Corporate; München)

EY sieht sich bereits jetzt konfrontiert mit einigen Klagen von Kapitalanleger-Anwälten, die da wären:

  • Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan (München/Stuttgart),
  • TILP Rechtsanwaltsgesellschaft mbH (Kirchentellinsfurt) und
  • Dr. Greger & Collegen (Regensburg)  

Die Klagewelle wird über Jahre hinaus die Gerichte und Anwälte übermäßig beschäftigen. Ob es hier - wie seinerzeit im Falle Flowtex, letztlich zu einem "Deal" mit EY bzw. dessen Vermögensschaden-Haftpflichtversicherer, der Wiesbadener Versicherungsstelle, und den Gläubigern kommen wird, bleibt offen.

Offen bleibt ebenso die Frage, ob EY im Falle des Unterliegens jemals für einen solchen Gesamtschaden aufkommen könnte. Wie ein solcher Schaden auf das weltweite EY-Netzwerk durchschlagen könnte, ist wegen der gewollten Intransparenz der Netzwerke der Big4 offen.

Politisch gilt: To big to fail!

Die Lobbyisten laufen bereits zur Höchstform auf.

07.08.2020
Wirecard-"Erwartungslücke"? - Wiedergeburt eines Klassikers

Zunächst schrieb Prof. Marten (auf Bestellung) in der Causa Wirecard den EY-Rechtfertigungs-Aufsatz über die Prüfung von Treuhandkonten in DER BETRIEB (Nr. 29 vom 20.07.2020, S. 1465 ff.). Jetzt darf Prof. Quick mit seinen beiden spanischen Kollegen nachlegen und in der WPg 15.2020 (S. 867 ff.) ausführlich über die Erwartungslücke sinnieren.

Prof. Marten springt EY zur Seite und stellt kurzum fest, dass man eigentlich dort nicht viel falsch gemacht hat, und verkennt dabei die einfachen handwerklichen Fehler einer weltweit vernetzten Big4-Gesellschaft, die offensichtlich bereits seit Jahren von dem kometenhaften Aufstieg der Gelddruckmaschine Wirecard berauscht und geblendet war. Da ist man doch einfach stolz auf solche Mandanten, die man seit 11 Jahren beraten und testiert hatte und die wie eine Rakete zum Milliarden-Highlight avancieren. Man war gar ein Teil des Erfolges.

- Jetzt hören Sie doch auf mit Ihrer vergeigten Einholung von Bankbestätigungen - dem kleinen Einmaleins des Wirtschaftlichen Prüfungswesens. Wir waren doch bereits auf dem Weg zu den Sternen!

Offensichtlich auf Bestellung des Lobbyvereins IDW e.V. ist jetzt Prof. Quick gefragt, der mit dem spanischen Duo Toledano in der Hauszeitschrift WPg ("Kompetenz schafft Vertrauen") einen Klassiker aus der Klamottenkiste rausholt und neu aufführt. Es gilt hier mit allen Möglichkeiten wissenschaftlichen Arbeitens die Frage zu beantworten:

  • Erfüllen Abschlussprüfer die Erwartungen der Öffentlichkeit?

Ich kenne mich und weiß, dass ich mich weigern werde, diesen 7-seitigen "Fachaufsatz" zu lesen! Warum auch? Diese Thematik hat bereits einen so langen Bart, beschäftigt uns schon seit 30 Jahren und kommt immer wieder zum gleichen Ergebnis:

  • Die Öffentlichkeit erwartet von Wirtschaftsprüfern einfach zuviel!
  • Das kann der Berufsstand nicht leisten!
  • Und damit ist die "Erwartungslücke" wieder erklärt und bestätigt!
  • Und es wird immer so bleiben!

Wie wäre es denn mal mit folgenden Erklärungsversuchen:

  • Das IDW und die Big4 geben sich gerne den Schein der Allwissenheit,
  • sind lt. ihrer Werbung mit den teuersten und besten Analyseprogrammen unterwegs,
  • vergessen manchmal, dass hier tatsächlich noch Menschen im Prüfungsprozess unterwegs sind und
  • haben - geblendet vom faszinierenden Geschäftsmodell des Mandanten -  "ihre Prüfernase" ausgeschaltet.

Soll heißen: Wenn Wirtschaftsprüfer zuviel versprechen und sich medial als fachlich unfehlbar geben, muss die Folge sein, dass sich im Bilanzskandal und bei Systemversagen eine eklatante Erwartungslücke offenbart!

Hat also die Erwartungslücke der Öffentlichkeit vielleicht seinen Grund nicht eher darin, dass der Berufsstand, insbesondere die Big4(!), permanent Etikettenschwindel begehen?

Die Reinwaschung von EY durch ein Positionspapier des Lobbyvereins ist hierbei genauso kontraproduktiv wie Fachaufsätze wissenschaftlicher Eliten auf Bestellung!

Eins ist sicher: Die Erwartungslücke bleibt (ein Klassiker)!!!

06.08.2020
Wirecard: "APAK ermittelte bereits seit 2019 gegen EY"

Ein Jahr vor der Kanzlerwahl scheint der Wirecard-Skandal auch Gegenstand des Polit-Theaters in Berlin zu werden: BMF (SPD) und das BMWi (CDU) ergehen sich in Schuldzuweisungen.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (BMF) hatte bereits letzte Woche ein "16 Punkte-Reformpaket" aus dem Hut gezaubert, möchte die BaFin (Finanzaufsicht) neu ausrichten und sieht schwerwiegende Fehler bei EY als Wirtschaftsprüfer und deren Aufsicht durch die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS).

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU), Rechtsaufsicht über die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) und die APAS, sieht demgegenüber die Aufsicht "gut aufgestellt" und verweist darauf, dass die APAS bereits seit Oktober 2019 gegen EY ermittelt hätte. Das Vorermittlungsverfahren sei nach Vorlage des KPMG-Sonderberichtes im Mai 2020 in ein förmliches Berufsaufsichtsverfahren überführt worden.

Um dieses Theater besser zu verstehen, sollte man folgendes wissen:

  • Die APAK ist die  Fachaufsicht über die rd. 80 Prüfer und Prüfungsgesellschaften (insbesondere die Big4), die Banken, Versicherungen und börsennotierte Unternehmen (ca. 1.750) in Deutschland prüfen - die sogenannten § 319a-HGB-Mandate.
  • Die APAK untersteht - was bereits seit Jahren kritisiert wird - keiner eigenen Fachaufsicht, sondern ihr obliegt sogar noch die Fachaufsicht über die WPK. Somit überwacht sie als letztinstanzliche Fachaufsicht den gesamten Berufsstand und dessen Berufskammer! Ist doch toll - oder?
  • Die APAS ging 2016 aus der APAK hervor, die von honorigen Personen (u.a. Ex-BFH-Präsident Dr.h.c. Wolfgang Spindler und Prof. Kai-Uwe Marten) "ehrenamtlich" geleitet wurde. Diese kassierten jedoch, entgegen der gesetzlichen Vorgabe, über Jahre hinweg Hundertausende Euro an Sitzungsgeldern und Aufwandspauschalen aus den vollen Kassen der WPK.
  • Kollege WP/StB Ralf Bose (Ex-KPMG), heutiger Vorsitzender der APAS, war der Kollege, der in Zeiten der Finanzmarktkrise alle uneingeschränkten  Deutsche-Bank-Testate unterschrieb ("Skandalprüfer") und aus dem Haushalt der WPK erhebliche Zuwendungen für seinen "Übergang auf die APAS" erhielt. 
  • Weiterhin muss man wissen, dass sich die APAS fast ausschließlich aus Big4-Mitarbeitern rekrutiert. So ist man unter sich und die Big4 überwachen sich letztlich selber. Man kennt sich also aus dem Alumni-Netzwerk und bekommt irgendwann die Altersversorgung aus der selben Pensionskasse.

So, und jetzt zum Kern des Themas:

Bundeswirtschaftsminister Altmeier, mein oberster Rechtsaufseher, behauptet zu seiner Entlastung, dass gegen EY in der Causa Wirecard seitens der APAS bereits seit 2019 ermittelt worden wäre. Gleichzeitig bemängelt die APAS aber immer wieder ihre mangelhafte Personal- und Sachausstattung.

Momentan ist die APAS übrigens damit beschäftigt, sich Jahresabschlussprüfungen von § 319a-Mandanten aus dem Jahre 2018(!) anzusehen. Wie spärlich die "Ausbeute" ihrer Tätigkeit ist, läßt sich auf der neuen Website schnell ausmachen (www.apasbafa.bund.de). Von einschlägigen Sanktionen gegen die Big4 ganz zu schweigen. Vielmehr Schweigen und Intransparenz.

Die Wahrheit ist,

  • dass die Berufsaufsicht über die Big4 nicht funktionieren soll bzw. von deren Lobbyisten selbst ineffizient gestaltet und dem Gesetzgeber so "verkauft" wurde.
  • Demgegenüber hat die APAS in den letzten Jahren systematisch eine Marktbereinigung der § 319a-Mandate zugunsten der Big4 betrieben und kleineren Prüfungsgesellschaften durch rüde Methoden und Arroganz das Leben schwer gemacht. Innerhalb weniger Jahre ist die Zahl der § 319a-Prüfer von ca. 300 auf unter 80 Gesellschaften dramatisch zurückgegangen.
  • Über die APAS beaufsichtigen sich die Big4 selber. Die Inspektoren der APAS, die fast ausschließlich aus dem Kreise der Big4 stammen, treffen bei ihren Inspektionen immer wieder frühere Kollegen und Gleichgesinnte.
  • Die APAS ist genauso wie die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) ein "Schlafmützenladen". Die DPR hatte klare Hinweise der BaFin und ließ nur einen einzigen Mitarbeiter über ein Jahr hin "ermitteln". Die APAS hat mangels Personal erst "vorermittelt", dann Monate später "ermittelt" und letztlich ebenfalls nichts festgestellt oder gar verhindert.
  • Wenn der Lobbyismus der Big4 und die Besetzung von Posten in Facharbeit und Aufsicht beim IDW, der WPK und der APAS nicht unterbunden wird, kann die Berufsaufsicht über Wirtschaftsprüfer nicht funktionieren! 

Ein Blick nach Großbritannien ("watchdog") oder in die USA (PCAOB) zeigt, wie man es besser machen kann. Dort werden bei fehlerhaften oder gar skandalösen Prüfungen die Gesellschaften beim Namen genannt und es werden drakonische Millionen-Strafen oder gar Berufsverbote verhängt.

Der "16-Mrd.€-Markt der Wirtschaftsprüfer in Deutschland" ist für die Big4 ein "Ort der Glückseligkeit"! Sie alleine haben einen Marktanteil von rd. 50%!

Man überwacht sich selber und die Feststellungen der Inspektionen bleiben intransparent!