EY und die Spionin aus Rom

Die Big4 setzen alles daran, auf die Politik Einfluss zu nehmen, mitzumischen und "Informationen aus erster Hand" zu bekommen um daraus für ihre Mandanten (und für sich) Kapital zu schlagen. Also gilt es doch, möglichst nah in Ministerien und im politischen Geschehen präsent zu sein und ggf. über Lobbyisten Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen.

wpwatch deckte bereits vor über 10 Jahren auf, dass die Big4 seinerzeit in Deutschland "Leihbeamte" in Ministerien einsetzten, um geheime Vorab-Informationen zu bekommen oder gleich Aufträge akquirierten.

So zeigt ein aktueller Fall in Italien, wie die Einflussnahme der Big4 in der Politik noch heute abläuft:

Die Steuerrechtlerin Susanna Masi war bis zu ihrem Rauswurf vor einigen Wochen Beraterin im italienischen Ministerium für Wirtschaft und Finanzen. Für ihre Dienste bezog sie seit 2012 ein Gehalt von 75.561 € p.a. Das ist nicht viel Geld für eine erfolgreiche Managerin die zuvor bei Ernst & Young (EY) gearbeitet hatte. - Doch vielleicht war ihre Mission für EY ja wichtiger.

Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat herausgefunden, dass der Lohn des Ministeriums nur einen Teil von Masis Einkünften ausmachte. Mehr Geld erhielt sie nämlich weiterhin von ihrem alten Arbeitgeber. Über die Jahre hinweg waren es mindestens noch einmal 220 000 €.

Die Ermittler sind im Besitz aller Banküberweisungen, die das belegen. Sie haben auch Protokolle von abgehörten Telefongesprächen mit dem Senior Partner von EY Italia, Marco Ragusa, und 300 interne Mails. Masi hatte nämlich dummerweise ihr altes Mailkonto von EY behalten.

Aus diesem brisanten Material, das insgesamt sechs Terabyte umfasst, geht hervor, dass Masi EY streng  vertrauliche Informationen aus dem Ministerium und aus Sitzungen der europäischen Finanzminister zukommen ließ. Was auch immer an neuen Gesetzen und Steuern in Vorbereitung war - bei EY erfuhr man es vorab.

Zu klären bleibt noch die Frage, ob Masi auch Informationen aus den geheimen Sitzungen der europäischen Finanzminister an Ernst & Young durchgestochen hat.

Wenn dem so wäre, könnte Ernst & Young auch über Vorhaben der Finanzminister informiert gewesen sein, zu denen die eigenen Berater im Hause die ein oder andere (teure) Studie angefertigt hatten. Ganz zu schweigen von dem mutmaßlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Beratern oder für Mandanten.

Der Vorgang ist auch deshalb so brisant, weil  in dieser Zeit z.B. auch heftig über die Einführung einer Finanztransaktionsteuer debattiert wurde. Diese Börsensteuer sollte die Lasten der Finanzkrise gerechter verteilen. Über diese Steuer auf Finanzgeschäfte sollten Kreditinstitute zur Kasse gebeten und hochriskante Geschäfte wie der sekundenschnelle elektronische Handel mit Wertpapieren eingedämmt werden.

Die Finanzindustrie hatte immer wieder vor einer solchen Steuer "gewarnt" - und zwar mit Argumenten, die sich exakt so jetzt in den teuren Studien von EY fanden.

Der Verdacht liegt also nahe, dass Susanna Masi für EY in Rom spioniert hat - und zwar als besonders kostbarer Maulwurf. Weiterhin besteht der Verdacht, dass die Beraterin ihre Informationen auch verkaufte.

Fazit:

  • Nun haben sowohl EY als auch die Spionin nicht nur ein berufsaufsichtsrechtliches Verfahren "an der Backe", sondern auch ein dickes strafrechtliches Problem.
  • So arbeiten sie halt - die Big4! Und zwar offensichtlich weltweit!
  • Vergessen Sie doch den 156-seitigen "Code of Ethics" des Berufsstandes - ein "Feigenblatt".